Corona-Kommunikation

Prof. Georg Ruhrmann und Dominik Daube von der Friedrich-Schiller-Universität Jena über Dimensionen und Perspektiven.

1 – Einleitung 

Angesichts der Covid-19 Pandemie ist die Öffentlichkeit auf Fachwissen angewiesen: auf medizinische und virologische sowie gerade auch auf ökonomische und sozialwissenschaftliche Erkenntnisse. Das Virus „erzeugt […] im Verbund mit den ergriffenen gesundheitspolitischen Maßnahmen massive ökonomische Probleme für ein globales Wirtschaftssystem, das ohne Zweifel auch schon vor dieser Krise auf tönernen Füßen stand“ (Rosa 2020, S. 193). 

Journalistische Medien berichten aktuell und schnell. Sie zeigen Mängel bei der staatlichen Pandemiebekämpfung auf. Dies tun sie gleich zu Beginn der Pandemie. Es ist März 2020 – eine entscheidende Zeit der Etablierung und Prägung relevanter Narrative zum Infektionsschutz. In sozialen Medien wird parallel dazu kommuniziert – häufig ohne journalistische Einordung und Erklärung. 

Auch Gesundheitsministerien und Gesundheitsämter sind relevante Akteure. Sie sollen die „Eindämmung“ des Virus regeln und koordinieren und Fehlinformationen minimieren. Dabei werden in bisher nicht gekanntem Maß die Kriterien wissenschaftlicher, ökonomischer und politischer Verarbeitung (und Prüfung) von Informationen (und Wissen) selbst zum Thema (vgl. Leach et al. 2021; Shermuly et al. 2021). 

Der vorliegende Beitrag führt in ausgewählte und relevante Aspekte dieser Thematisierung ein. Er erörtert, wie unter anderem wissenschaftliche, politische, ökonomische Bereiche sowie die darauf bezogene (medial vermittelte) Corona-Kommunikation miteinander interagieren (siehe Abbildung). 

2 – Kommunikation von Evidenz 

Wir fragen, ob und wie die Medien (Presse, Rundfunk, Internet) über die Evidenz, die wissenschaftlichen Belege für virologische und epidemiologische Befunde und Daten berichten. Es sind vor allem einzelne Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, die in diesen Medien, aber auch in parlamentarischen Ausschüssen ihre virologischen, epidemiologischen, infektiologischen und immunologischen (mittlerweile unter anderem Long-Covid-)Befunde berichten und diskutieren (vgl. statt anderer „NDR info“ 2021; Kedor et al. 2021; Scheibenbogen et al. 2021, S. 1). 

Hinzu kommen die für die Politik und Medien gedachten (aber wohl nicht immer rezipierten) Stellungnahmen der mit Universitäten eng verbundenen Nationalen Akademie der Wissenschaft (vgl. Leopoldina 2020, 2021a, 2021b). Doch ein nationales Gremium mit Experten und Expertinnen aus den Natur- und Sozialwissenschaften, das mit einer Stimme spricht, gibt es noch nicht. 

Wissenschaftsjournalisten und -journalistinnen versuchen gleichwohl, sich an gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnissen zu orientieren. Befunde und Grundlagenstudien werden in einigen Print-Medien und vor allem in öffentlichrechtlichen Sendern (in besonderem Maß Podcasts) gut erklärt (vgl. „NDR info“ 2021) und verständlich erzählt (vgl. „MDR aktuell“ 2021). Zugleich werden sie häufig in Boulevardmedien und im Netz popularisiert und personalisiert. Teilweise wird dabei auch polarisiert (vgl. Daube/Ruhrmann 2021; Schmiedebach 2021). 

Begünstigt werden können dadurch vereinfachende Interpretationen der komplexen Entstehungsbedingungen von Pandemien. Für nicht wenige Menschen scheint wie vor 100 Jahren zu gelten: Was nicht unmittelbar erfahrbar und sichtbar ist (vor allem abwesende Symptome, die nur molekularbiologisch erfassbaren Viren und anderes mehr), das gibt es auch nicht. 

Das kann schon verwundern. Virologie und Epidemiologie – als (Hoch-)Schulwissen in Deutschland seit Jahrzehnten (vgl. Luria et al. 1978; Hof/Schlüter 2019) gelehrt – werden von vielen (aber natürlich nicht von allen) dann doch nicht begriffen oder verstanden. 

Doch es gibt Hoffnung: Corona ändert wohl erstmals den Trend: „Besonders stark gestiegen ist die Zahl der Frauen, die Kurse in den sogenannten MINT-Fächern belegen, also in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik“ (Werner 2021). 

3 – (De-)Legitimierungen 

Wer sind die relevanten Akteure und Akteurinnen, welche in der Covid-19-Pandemie die „Zeit“ als „die wichtigste Währung“ (Glogauer/Mascolo 2021, S. 32) ausmachen? Es sind Politiker und Politikerinnen, Regierungen und Staaten. Sie geraten unter Legitimationsdruck. „Die Bilder mit den Leichenbergen aus der Lombardei ließen europäischen Regierungen […] wohl keine andere Wahl […]. Staaten, die es sich finanziell leisten können, reagieren mit aufwendigen Hilfs- und Konjunkturprogrammen. Dabei haben sie aus der Kontraktion von 2007-2009 gelernt“ (Dörre 2020, S. 176). 

Zudem werden vor allem auch verfassungsrechtliche Dimensionen und Fragen des Infektionsschutzes deutlich. So sind „bislang alle einschlägigen Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie (Parlamentsgesetze, Rechtsverordnungen der Exekutive, Allgemeinverfügungen oder Einzelverwaltungsakte der Behörden) […] im üblichen Verfahren erlassen worden. Daher befinden wir uns in Deutschland […] entgegen einer in der Öffentlichkeit verbreiteten Terminologie – bei verfassungsrechtlicher Betrachtung nicht in einem Ausnahmezustand“ (Dreier 2021, S. 91). 

Pandemien werden im Verfassungsrecht normativ behandelt. Wesentliche Aspekte für Geltung und Einschränkung von Grundrechten sind hier das „Abwägungsgebot“ und das „Verhältnismäßigkeitsprinzip“ und seine „kanonisierten […] Anforderungen […], die geeignet, erforderlich und angemessen“ zu sein haben (Dreier 2021, S. 107f.). 

Es kann gefragt werden, ob und wie sich die Latenz der Infektion, die Dynamik beziehungsweise Exponentialität des Pandemieverlaufs sowie Risiken und Folgerisiken (Arbeitsplatzverlust, Long-Covid, psychische Krankheiten und Belastungen) juristisch fassen lassen. Etwa auch „als Problem der nicht-intentionalen Nebenfolgen“ sowie als Frage, wie „zu einer Gesamtbetrachtung zu gelangen“ ist (Dreier 2021, S. 112). 

Manche Ministerpräsidenten und -präsidentinnen fordern schon seit Ende März 2020 verschiedentlich und laut: Rückkehr zur „Normalität“! Rückkehr? Und welche Normalität denn eigentlich? Artikuliert werden recht früh (und schon im Vorwahlkampf) Narrative zu „Lockerungen“. 

Politiker und Politikerinnen kommunizieren dabei – häufig unwidersprochen – in einer Weise, als seien sie es, die effektiv wüssten und verantworten könnten, was jeweils „abgewogen“, „angemessen“ oder „verhältnismäßig“ sei (siehe oben). Und welche Maßnahmen die jeweils nächste Welle verhindern könnten. 

Aktuell – im beginnenden Herbst 2021 – lässt sich dann beobachten, wie mit öffentlichem Nachdruck verbreitete Wünsche und Erwartungen nach mehr Begegnung und Präsenz politisch die entsprechende SARS-CoV-2-Infektionsschutzmaßnahmenverordnung induzieren. Und damit letztlich wichtige Voraussetzungen dafür schaffen, dass etwa Abstandsregeln fallen und mehr Präsenz möglich wird. 

Zugespitzt formuliert: Die zunächst angestrebte (und häufig durchgehaltene risikobewusste) Vermeidung beginnt zur (erwartungs-, wunsch- und damit riskoorientierten) Verwaltung der Infektion zu mutieren. Potenziell davon betroffen sind jüngere und ungeimpfte ältere Menschen. […]

Dieser Text ist ein Auszug. Der vollständige Beitrag ist in der prmagazin-Ausgabe November 2021 erschienen (Rubrik „Theorie & Praxis“).

Die Autoren: 
Georg Ruhrmann
 ist Seniorprofessor für Kommunikationswissenschaft i.R. an der Friedrich-Schiller-Universität Jena (FSU). Er lehrt im Master-Studiengang „E-Health and Communication“ an der Medizinischen Fakultät der FSU und im Master-Studiengang „Sicherheitsmanagement“ an der Hochschule für Recht und Wirtschaft Berlin (HWR). 
Dominik Daube ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kommunikationswissenschaft (IfKW) der Friedrich-Schiller-Universität Jena (FSU) und lehrt im Master-Studiengang „E-Health and Communication“ an der Medizinischen Fakultät der FSU.