Der politische Diskurs in Deutschland steht zunehmend unter Druck. Am prmagazin-Online-Roundtable diskutieren Michael Inacker (Die Himmels schreiber), Kajo Wasserhövel (Elephantlogic) und Maria Heider (The Partners), wie sich Wahlkampf und Medienwandel auf die politische Kommunikation auswirken, warum Orientierung und Ehrlichkeit wichtiger sind denn je und wie eine neue Debattenkultur Vertrauen zurückgewinnen könnte.

prmagazin: Der Wahlkampf begann im Grunde schon im November, als Bundeskanzler Olaf Scholz Finanzminister Christian Lindner mit scharfen Worten entließ. Hat er damit den Ton gesetzt?
Kajo Wasserhövel: Das war schon sehr hart. Man merkte, dass sich viel aufgestaut hatte im Lauf der Zusammenarbeit – oder besser gesagt: der Nichtzusammenarbeit. Aber wenn wir uns anschauen, was jetzt entschieden werden muss, hat der Wahlkampf zu wenig zur Aufklärung beigetragen [Anm. d. Red.: Das Interview fand am 19. März 2025 statt]. Das ist einer der Gründe dafür, dass wir jetzt einen Politikwechsel bekommen, der im Wahlkampf so nicht angekündigt wurde. Wir haben im Wesentlichen über Migration diskutiert – doch die Entscheidungen, die jetzt getroffen werden, betreffen ganz andere Themen.
Maria Heider: Aus meiner Sicht war dieser Wahlkampf symptomatisch für das, was seit Jahren in unserem Land passiert. Wir verlieren zunehmend den Respekt voreinander. AfD und BSW haben mit ihrem Duktus, ihrem aggressiven Auftreten und ihrer Sprache die Polarisierung vorangetrieben. Die demokratischen Parteien haben sich in die Defensive drängen lassen. Meiner Meinung nach war es ein Fehler, sich nicht klarer davon abzugrenzen. Stattdessen haben sich viele auf das Spiel eingelassen – im Ton und teils auch, indem sie die Themen der Populisten übernommen haben.
Herr Inacker, würden Sie sagen, dass insbesondere die CDU getrieben war von der AfD?
Michael Inacker: Mit dem sich abzeichnenden Ende der Ampelkoalition war in der Unionsspitze die Überzeugung da, den Wahlkampf im Wesentlichen gegen SPD und Grüne führen zu müssen. Man hat übersehen, was sich medial und kommunikativ verändert hat. Die klassischen Medien spielen natürlich noch eine gewisse Rolle, aber sie sind in ihrer Bedeutung längst von politischen Influencern überholt worden. Diverse konservative bis ultrarechte YouTuber kommentieren Talkshow-Auftritte von AfD-Politikern inzwischen wie Fußballspiele. Diese neue mediale Macht rechts von der CDU haben die Parteistrategen unterschätzt. Sie waren völlig unvorbereitet auf eine Wahlkampfauseinandersetzung mit der AfD und deren Milieu. Dabei hilft eine moralische Diskreditierung oder Ausgrenzung der AfD nicht wirklich, um den AfD-Aufstieg zu verhindern. Die CDU sollte schon darüber nachdenken, ob man den vernünftig-gemäßigten Teil der AfD ansprechen und auch wieder zur Union zurückholen kann. Die Dauerschleife einer großen Koalition hilft eher der AfD, da sie zu politischem Stillstand führt und sich so für die AfD ein Einfallstor bildet. […]

KAJO WASSERHÖVEL
ist Mitgründer und Co-Geschäftsführer der Strategieberatung Elephantlogic. Davor arbeitete er in unterschiedlichen Funktionen für die SPD.
MARIA HEIDER
ist Senior Advisor bei der strategischen Beratung The Partners. In der Vergangenheit war sie unter anderem Referentin in der Bundestagsfraktion der Grünen.


MICHAEL INACKER
ist Gründer und Co-Geschäftsführer der Agentur Die Himmelsschreiber. Zu Beginn seiner beruflichen Laufbahn arbeitete Inacker als Redenschreiber im Bundesverteidigungsministerium unter Minister Gerhard Stoltenberg (CDU) in Bonn.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus der prmagazin-Printausgabe April 2025.
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