Der Wechsel von Ceconomy ins Digitalministerium war für Betty Kieß auch eine Schule in Sachen Kommunikation. Als Sprecherin von Minister Karsten Wildberger gilt es, Projekte zu erklären und zu verteidigen – oft lange bevor klar ist, ob sie überhaupt funktionieren. Manches aus der Wirtschaft kann sie trotzdem gut gebrauchen – auch Dinge, die in der Politik eher unüblich sind.

In ihrer Zeit bei E.ON und C&A sagte Betty Kieß gern: „Wir machen keine Ankündigungs-PR.“ Oder in der metaphorischen Variante: „Wir reden über das Ei, wenn es gelegt wird.“ Von dieser Philosophie musste sie sich in ihrem neuen Job rasch verabschieden.
Seit Juni 2025 leitet Kieß die Abteilung Kommunikation und Strategie im neu geschaffenen Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung (BMDS) und ist Sprecherin von Minister Karsten Wildberger (CDU) – und redet heute am laufenden Band über ungelegte Eier. Pressemitteilungen der Behörde tragen vielversprechende Titel wie: „Gesamtbild für den Deutschland-Stack weiter geschärft“ oder: „Modernisierungsagenda verabschiedet“.
Die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit gegenüber einem Ministerium sei nun mal eine andere als gegenüber einem Unternehmen, sagt sie. Die Menschen erwarten viel von dem Haus und seinem Minister. Schließlich hat die schwarz-rote Bundesregierung versprochen, die Verwaltung zu digitalisieren und den Staat zu modernisieren.
Kieß hält die Öffentlichkeit über Fortschritte auf dem Laufenden. „Wir kommunizieren transparent und kontinuierlich, woran wir arbeiten. Kommunikation ist hier mehr als die Begleitung politischer Arbeit, sie ist Teil des demokratischen Prozesses.“ Statt von Ankündigungskommunikation spricht sie lieber von „Prozesskommunikation“.
Die 47-Jährige musste sich schnell in die neue Welt der Politik einfinden. Kieß war gerade erst als Vice President Corporate Communications und Public Policy beim Handelskonzern Ceconomy und dessen Tochter MediaMarktSaturn Retail Group gestartet, als ihr Chef Karsten Wildberger zum Bundesminister berufen wurde. Das neue Digitalministerium, inklusive der Pressestelle, musste erst aufgebaut werden, und so übernahm Kieß vom Tag der Bekanntgabe an wie selbstverständlich auch Medienanfragen, die Wildbergers künftige Rolle betrafen. Sie musste seinen Jobwechsel kommentieren, die Hintergründe erklären und sich dazu mit der CDU-Parteizentrale abstimmen.

Kieß hatte daran viel Spaß, berichtet sie. „Gleichzeitig war es Karsten Wildberger wichtig, eine Person an seiner Seite zu haben, der er hundertprozentig vertraut“, so Kieß. Dann sei es bald nur noch darum gegangen, die Formalitäten zu klären. „Einen Beitrag dazu zu leisten, ein so wichtiges und neues Ministerium für Deutschland aufzubauen und kommunikativ zu führen, ist eine großartige und vielleicht auch einmalige Chance“, sagt Kieß.
Als sie den neuen Job antrat, ging es von Tag eins an – neben der operativen Arbeit an Inhalten – auch darum, schnell Personal für die verschiedenen Referate zu gewinnen. „Wir mussten schon voll liefern, während die Teams teilweise noch gar nicht besetzt waren“, sagt Kieß.
Seine erste Talkshow absolvierte Wildberger erst fünfeinhalb Monate nach seinem Start. Das mag auch daran liegen, dass sich Kieß bei der Chefpositionierung dann doch wieder an ihren alten Grundsatz hielt: sich erst zu exponieren, wenn man etwas zu sagen hat. Eine andere Interpretation lautet: Wildberger ist kein geborenes Political Animal. Er musste womöglich erst mal warm werden mit seiner neuen Rolle.
Ein Berliner Journalist, der regelmäßig über das Digitalministerium berichtet, nimmt den Bundesminister als sehr kontrolliert wahr. Er könne im direkten Gespräch gewinnend sein, bleibe aber auf der großen Bühne eher blass. In der Presse schnappen ihm immer wieder andere Behördenchefs die schlagzeilenträchtigen Themen weg, das lässt sich in der Berichterstattung nachvollziehen.
Die Altersgrenze für Social Media etwa brachte Bildungsministerin Karin Prien (CDU) ins Gespräch. Der Bundeskanzler griff den Vorschlag beim Parteitag der Christdemokraten Ende Februar auf, die SPD forderte anschließend die rasche Umsetzung. Aus dem Digitalministerium hört man wenig dazu.
„Vielleicht ist es eine bewusste Entscheidung, nicht zu polarisieren“, sagt der Journalist, der anonym bleiben will. So werde der Minister aber eben auch nicht so schnell bekannt. Neben Bundesbauministerin Verena Hubertz ist er bis heute das unbekannteste Kabinettsmitglied. Das prmagazin hatte im Rahmen des Treffens mit Betty Kieß im Februar die Gelegenheit, mit Wildberger über diese Themen zu sprechen. […]
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