
Für viele Unternehmen gehört gesellschaftliches Engagement zum Selbstverständnis. Aber welche Rolle kann und soll ein Unternehmen im Spannungsfeld zwischen hoheitlichen Aufgaben und Privatwirtschaft einnehmen? Und wie kann man in diesem sensiblen Bereich kommunizieren? Nicola Leske, Head of Communications & Sustainability der DHL Group, über das GoHelp-Programm des Dax-Konzerns.
Am 6. Februar 2023 erschüttert ein Erdbeben der Stärke 7,8 Teile der Türkei und Syriens. Fast 60.000 Menschen sterben. Millionen verlieren ihr Zuhause. Die Überlebenden brauchen dringend Lebensmittel, Trinkwasser und Medikamente. Jede Minute zählt.
Die DHL Group richtet eine Taskforce ein und schickt Freiwillige aus den „Disaster Response Teams“ des Unternehmens nach Adana in der Türkei. Mit ihrer Logistikexpertise tragen sie – unentgeltlich –dazu bei, dass die Versorgung mit lebenswichtigen Hilfsgütern auch unter schwierigsten Umständen funktioniert. Ein typischer Einsatz im Rahmen des GoHelp-Programms der DHL Group.
In Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen leistet DHL mit GoHelp seit rund 20 Jahren logistische Unterstützung bei Naturkatastrophen. 900 speziell geschulte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Unternehmens stehen weltweit für solche Situationen bereit, von Erdbeben über Fluten bis hin zu Orkanen.
Sie unterstützen örtliche Nichtregierungsorganisationen und Behörden dabei, Hilfslieferungen an den Flughäfen schnell und zuverlässig zu sortieren, abzufertigen und zu verteilen – trotz oft schwer beschädigter Infrastruktur und der in solchen Situationen allgegenwärtigen Hektik. Inzwischen blickt die DHL Group auf mehr als 50 GoHelp-Einsätze weltweit zurück – und auf fast 70.000 Tonnen umgeschlagene Hilfsgüter.
Dass die Einsätze der Disaster Response Teams hilfreich sind, dass sie Menschenleben retten und die größte Not nach Katastrophen zu lindern helfen, steht außer Frage. Die Einsätze bedeuten aber auch jedes Mal eine Gratwanderung. Die Frage, inwieweit Unternehmen ursächlich staatliche Aufgaben übernehmen sollen – und ob dies langfristig Fluch oder Segen ist –, stellt sich jedes Mal von Neuem.
Neben der grundsätzlichen Frage, wo Staatlichkeit endet und Privatwirtschaft beginnt – die übrigens je nach Land und Kulturkreis unterschiedlich ausgelegt wird – spielen Emotionen und die Geschichte der betroffenen Länder eine große Rolle. Allzu leicht kann der Eindruck des „herablassenden Gönners“ entstehen und eine Ablehnung zu einem Einsatz aus (falschem) Stolz heraus resultieren. So gehört Diplomatie zum Kernrepertoire, wenn wir mit den staatlichen und/oder supranationalen Stellen das Ob und Wie des jeweiligen Einsatzes abstimmen.
Unser Kompass bei dieser Fragestellung und den jeweiligen Verhandlungen ist unser Geschäftszweck: Menschen verbinden, Leben verbessern. Wir orientieren uns mit unserem Angebot an unserer Kernkompetenz und tun nur das, was wir am besten können: die Organisation von Logistikleistungen in jedem Umfeld. Darüber hinaus greifen wir nicht ein, erheben nicht den Zeigefinger und ziehen uns zurück, sobald staatliche Stellen vor Ort die Aufgaben wieder übernehmen können.
All das führt zu einem Vertrauensvorschuss, den die Disaster Response Teams vor Ort oftmals genießen. Seit 20 Jahren bekommen wir für GoHelp positives Feedback von Hilfsorganisationen, lokalen Behörden und den Vereinten Nationen. Und die breite Öffentlichkeit?
„Ich wusste gar nicht, dass DHL das macht! Warum werbt Ihr nicht damit? Das müsst Ihr doch erzählen!“ Fast jeder unserer Mitarbeiter hat diese Sätze schon einmal gehört, wenn beim Essen unter Freunden das Gespräch zufällig auf die Einsätze kommt. Und die Frage oftmals vom Fragesteller selbst beantwortet wird: „Ach ja, das kann ja auch nach hinten losgehen.“
Es ist eine Gratwanderung zwischen Vorbildfunktion, die hoffentlich viele Nachahmer findet – und daher breit kommuniziert werden sollte –, und dem Schutz der Menschen in Not. […]

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Dieser Beitrag ist ein Auszug aus der prmagazin-Printausgabe Juni|Juli 2024.
