„Kardinal Woelki mag keine PR“

Von außen betrachtet war die Kommunikation rund um die Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch im Erzbistum Köln eine einzige Katastrophe. Im exklusiven prmagazin-Interview berichten die Berater des Bistums, Rechtsanwalt Carsten Brennecke und Krisen-PR-Profi Torsten Rössing, nun erstmals, wie es zu dem monatelangen Shitstorm kam, warum sie so wenig dagegen tun konnten und was der neue Kommunikationschef Christoph Hardt wohl anders machen wird.

„Wäre das Gutachten so veröffentlicht worden, wäre die Sache explodiert“: Torsten Rössing (links) und Carsten Brennecke, Krisenberater des Erzbistums Köln. (Foto: Jörg Heupel)

prmagazin: Herr Brennecke, Herr Rössing, Sie beraten das Erzbistum Köln seit März 2020 bei der holprigen Aufarbeitung sexualisierter Gewalt. Warum hat man Sie beauftragt?

Carsten Brennecke: Im März wollte das Bistum ein lange angekündigtes Gutachten der Münchner Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) zu sexuellem Missbrauch in Köln veröffentlichen. Man hatte den Medien bereits versprochen, dass darin die Namen von Verantwortlichen genannt würden. Kurz vorher – im Februar – fragte ein Journalist des Kölner Stadt-Anzeigers, ob das Bistum das überhaupt darf: die Namen von Beschuldigten in so einem Gutachten preisgeben. Darüber hatte man offenbar bis dahin nicht nachgedacht, also landete die Frage bei mir.

Ohne diesen Journalisten wäre das Gutachten einfach so rausgegangen?

Brennecke: Ich denke schon. Grundsätzlich ist es auch rechtens, Namen zu nennen, aber nur, wenn man dabei die Grundsätze der Verdachtsberichterstattung berücksichtigt, also den Beschuldigten die Möglichkeit gibt, sich zu äußern – genau wie bei einem Presseartikel. Wir haben den Entwurf des Gutachtens dann geprüft und gleich gemerkt, dass WSW das Thema Äußerungsrecht entweder nicht kannte oder bewusst außer Acht gelassen hatte. Am 9. März 2020 haben wir uns mit WSW besprochen. Und als das Wort „Verdachtsberichterstattung“ fiel, war klar: Das hatten die nicht berücksichtigt.

Und dann schaltete das Erzbistum auf Krisenkommunikation und engagierte Sie, Herr Rössing?

Torsten Rössing: Genau. Als das Bistum feststellte, dass es kritisch werden könnte, hat man uns dazu geholt. Wir hatten nun zwei Möglichkeiten, das habe ich dem Kardinal auch so gesagt: Entweder wir ziehen das durch und fahren das Ganze wahrscheinlich vor die Wand, weil es rechtlich nicht haltbar ist. Damit wäre niemandem geholfen, auch nicht den Betroffenen. Oder wir beißen in den sauren Apfel, lassen WSW nacharbeiten und verschieben. Wir haben uns dann alle gemeinsam für die zweite Option entschieden.

Brennecke: Wäre das Gutachten so veröffentlicht worden, wäre die Sache explodiert. Darin waren acht Beschuldigte namentlich benannt, zum Teil hochrangige Leute, jedenfalls keine, die sich so einfach zur Schlachtbank führen lassen. Und im Übrigen hatten sie alle schon Presse- und Medienrechtsanwälte, weil sie bei den Befragungen gemerkt hatten, dass etwas in die falsche Richtung läuft.

Können Sie sich erklären, dass eine angesehene Kanzlei einen so wichtigen Punkt übersieht?

Brennecke: Das Erzbistum hatte WSW beauftragt, weil die Kanzlei für das Erzbistum München unter Kardinal Reinhard Marx das erste Gutachten zu Missbrauchsfällen gemacht hat. Ziel war es nicht, einzelne Missbrauchstäter zu ermitteln, sondern Führungskräfte zur Verantwortung zu ziehen, die Vorwürfen nicht nachgegangen waren. Es ging im Wesentlichen um eine Aufarbeitung nach Strafrecht und Kirchenrecht. Da hatte WSW Expertise. Nur: Das Münchner Gutachten hatte einen ganz anderen Zuschnitt gehabt, und in München wollte auch niemand Namen von Beschuldigten ins Netz stellen. Wer das vorhat, muss das Äußerungsrecht auf dem Schirm haben. Das war bei den WSW-Gutachtern nicht der Fall.

Lernt das nicht jeder Jurist?

Brennecke: Nein. Presserecht ist speziell, das gehört nicht zum Kanon der normalen Juristenausbildung.

Also musste WSW nachbessern. Wie sah das aus?

Brennecke: Wir haben eine Art Anleitung verfasst, wie WSW das Gutachten äußerungsrechtlich wasserdicht bekommt. Dann hat die Kanzlei die gesamte Anhörung der Beschuldigten nachgeholt.

Das Bistum ließ dann vermelden, dass noch „rechtliche Fragen“ geklärt werden müssten. Kritiker vermuteten Vertuschung. Warum haben Sie nicht erläutert, wo das Problem lag? Einige Journalisten hätte das bestimmt interessiert …

Rössing: Kann sein. Aber wir mussten WSW an Bord behalten und durften die nicht öffentlich beschädigen. Wir hatten schließlich immer noch die Hoffnung, dass wir am Ende ein gutes Gutachten bekommen, das man veröffentlichen kann. Außerdem sollte es nicht so wirken, als suche sich das Bistum den Gutachter aus, der das gewünschte Ergebnis liefert. Die Unabhängigkeit musste gewahrt bleiben.

Im Oktober fiel dann die Entscheidung, die Zusammenarbeit mit WSW ganz zu beenden, weil das Gutachten „methodisch mangelhaft und äußerungsrechtlich problematisch“ sei. Also hat die Kanzlei es doch nicht geschafft nachzubessern?

Rössing: Nein, trotz wiederholten Aufforderungen, Schriftsätzen und vielen Gesprächen. Das Gutachten war nach Auffassung verschiedener Gutachter einfach nicht veröffentlichungsfähig. Das war die schwerste Entscheidung in dem ganzen Prozess. Aber es ging nicht anders.

Brennecke: Wir hatten uns dummerweise entschieden, das WSW-Gutachten nicht sofort zu stoppen und darauf zu vertrauen, das WSW eine veröffentlichungsfähige Nachbesserung gelingt. Damals – im März 2020 – war das die richtige Entscheidung. Im Nachhinein war sie falsch. […]

Dieser Text ist ein Auszug. Das vollständige Interview mit Carsten Brennecke und Torsten Rössing lesen Sie in der prmagazin-Ausgabe August 2021.

Das prmagazin-Interview in den Medien:

– KNA-Katholische Nachrichten-Agentur, 18. August 2021: „Kirche, Medien, Missbrauch: Die schwierige Krisenkommunikation im Erzbistum Köln“ (€)
– Bild-Zeitung, 9. August, 2021: „Woelki-Bericht liegt dem Papst vor!“
– kath.net, 9. August 2021: „Köln: Hintergründe zum nicht veröffentlichten Missbrauchsgutachten“
– Vatican News, 7. August 2021: „Missbrauch: Köln hätte erstes Gutachten fast veröffentlicht“
– katholisch.de, 6. August 2021: „Kardinal Woelkis Krisenberater: ,Es wird bitter bis zum Schluss'“
– Kirche+Leben, 6. August 2021:
„Krisenberater des Erzbistums Köln: ,Es wird bitter bis zum Schluss'“
– turi2, 6. August 2021: „Krisenberater Torsten Rössing sieht Durchstechereien bei katholischer Kirche problematisch“
Vorab-Meldung prmagazin, 6. August 2021: „,Kardinal Woelki mag keine PR‘: Die Krisenberater des Erzbistums Köln sprechen im prmagazin exklusiv über ihre schwierige Mission“