Der Übersetzer 

Hinter Siemens Healthineers liegt ein bewegtes Jahr: Der fränkische Medizintechnikkonzern brachte Corona-Tests auf den Markt, schluckte ein US-Unternehmen und enterte die Dax-40 – und das alles in Zeiten weitgehend leerer Büros. Kommunikationschef Matthias Kraemer verlässt sich auf solide Themenkenntnis. Und auf agile Strukturen für sein Team. 

Matthias Kraemer: „Wenn man kein Fachwissen hat, findet man keine Akzeptanz im Feld, in dem man sich bewegt.“ (Foto: Bettina Theisinger)

Ach, schon wieder!“ Matthias Kraemer verzieht das Gesicht. Ihm ist der nächste Anglizismus rausgerutscht. Immer wenn er „Stroke“ statt „Schlaganfall“ sagt oder „triggern“ statt „auslösen“, verdreht der Kommunikationschef die Augen und korrigiert sich. Den „Denglisch-Branchenjargon“ kann er nicht leiden, er gehe auf Kosten der Verständlichkeit.

Für Kraemer ist der wichtigste Teil seines Jobs, die Funktionsweise von Computertomografen, OP-Robotern und anderen Medizintechnik-Innovationen so einfach und kompakt wie möglich zu erklären. Er versteht sich als Übersetzer und hat einen hohen Anspruch an die eigene Expertise: „Wenn man kein Fachwissen hat, dann findet man keine Akzeptanz im Feld, in dem man sich bewegt – dann macht Kommunikation keinen Spaß.“

Der 53-Jährige leitet die Kommunikation des Medizintechnikkonzerns Siemens Healthineers mit Sitz im bayrischen Erlangen, einst eine 100-prozentige Tochter der Siemens AG. Der etwas umständliche Name – ein Kofferwort aus „healthcare“, „engineer“ und „pioneer“ – soll den Fortschrittsgeist betonen. Von der ehemaligen Konzernmutter, die heute 75 Prozent der Anteile besitzt, hat man sich nach dem Börsengang im März 2018 Stück für Stück emanzipiert.

Auch kommunikativ ist der Abnabelungsprozess vollzogen. Kraemer pflegt zwar einen guten Kontakt zur Siemens-Kommunikationsspitze, wie er sagt – das sei bei Clarissa Haller so gewesen, die das Unternehmen im Frühjahr 2021, kurz nach dem Abschied von CEO Joe Kaeser, verlassen hat, und bei deren Nachfolgerin Lynette Jackson sei es nicht anders. Doch institutionalisiert ist der Austausch nicht.

Siemens Healthineers beackert als global sechstgrößter Medizintechnikhersteller sein eigenes, sich stetig vergrößerndes Feld. Und Kraemer liebt es, sich in die Themen zu vertiefen. Als bei der BASF ausgebildeter Kaufmann, ehemaliger Vertriebler, Marketingverantwortlicher und Redenschreiber hat er einen vielseitigen Hintergrund. Was ihm an Medizinwissen fehlt, eignet er sich über Bücher und Gespräche mit den Experten aus seinem Haus an. „Inzwischen ruft mich sogar meine Schwester an, wenn sie Gesundheitsfragen hat“, sagt Kraemer und lacht.

Wir sitzen im 2020 eingerichteten „Content Lab“, an der Wand große Bildschirme, davor eine V-förmig angeordnete Stuhlreihe. Kraemer lässt fränkischen Lebkuchen auftragen („Haben Sie einen mit Whiskey und Kirschen erwischt? Das sind die besten.“). Das Treffen mit dem prmagazin ist eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen der Raum zum Einsatz kommt, was Kraemer bedauert: Corona eben.

Die Pandemie ist für Siemens Healthineers zweischneidig. Zum einen hat sie den Konzern, so wie jeden anderen Arbeitgeber, mit dem ständigen Umsteuern interner Prozesse auf Trab gehalten. Auf der anderen Seite gehörten die Healthineers als Hersteller von Antigen-Schnelltests und weiterer Covid-Behandlungstechnologien durchaus zu den Profiteuren der Krise.

Auch sonst war 2021 ein turbulentes Jahr. Das zuvor im MDax-notierte Unternehmen stieg im September im Zuge der Reform des Leitindex in den Dax 40 auf, im Frühjahr vollzog es den Kauf des 11.000 Mitarbeiter starken US-Krebstherapie-Unternehmens Varian – ein viel beachteter Mega-Deal. „In Zeiten der sozialen Distanz war das alles auch kommunikativ eine ziemliche Herausforderung“, sagt Kraemer. […]

Dieser Text ist ein Auszug. Die komplette Titelstory lesen Sie in der prmagazin-Ausgabe Januar 2022.