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Als die Grünen-Politikerin Kerstin Andreae als Hauptgeschäftsführerin zum Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) wechselte, erwarteten viele einen radikalen Klimakurs. Doch die Energiekrise verschob den Fokus: Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit rückten als gleichwertige Anliegen neben die Klimawende.

„Es hilft überhaupt nichts, wenn wir als Branche immer nur kritisieren“: Es ist Zeit, gute Laune zu verbreiten, findet Kerstin Andreae. (Foto: Jan Michalko)

Ampel-Aus. Zweite Trump-Amtszeit. Neuwahlen in Deutschland. Der Ukraine- Krieg dauert an. All das könnte die Chefin eines der größten Wirtschaftsverbände der Republik als Steilvorlage nutzen, um Missstände anzuprangern und Forderungen zu stellen. Doch Kerstin Andreae sagt Sätze wie: „Es ist Zeit, gute Laune zu verbreiten.“

Statt zu lamentieren, betont sie, was die Energiebranche alles erreicht hat: die vielen Ladepunkte für E-Autos, die zufriedenen Fahrzeugbesitzer, die Forderungen der Branche, die sich im Koalitionsvertrag wiederfinden. Es gibt so viele positive Geschichten zu erzählen, findet die Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft. Als sie beim BDEW-Kongress im Juni 2025 aufs Podium steigt, haben die Mitgliedsunternehmen ein hartes Jahr hinter sich. In ihrer Eröffnungsrede hält Andreae dem entgegen: „Die Energiebranche steht wie ein Fels in der Brandung.“

Der BDEW vertritt die Interessen von mehr als 2.000 Unternehmen. Natürlich wissen die einiges aufzuzählen, was aus ihrer Sicht anders geregelt werden sollte: mehr Tempo beim Zubau gesicherter Leistung, konsequentes Eintreten für erneuerbare Energien, Netze auskömmlich finanzieren, Elektromobilität weiter voranbringen, kein Bremsen der EU beim geplanten Emissionshandel für Gebäude und Verkehr (ETS2).

Doch Andreaes Ansatz ist, das Positive hervorzuheben, wie sie beim Besuch des prmagazins in der Hauptgeschäftsstelle in der Berliner Reinhardtstraße betont, einer klassischen Verbandsadresse in Bundestagsnähe. „Aus meiner Sicht hilft es überhaupt nichts, wenn wir als Branche immer nur kritisieren“, sagt sie. Stattdessen will sie herausarbeiten, welche positiven Entwicklungen der Verband unterstützt und von der Politik einfordert – „damit es weiter vorangeht“.

Der BDEW sei heute „nach allen Seiten anschlussfähig“, findet Klaus Stratmann, Handelsblatt-Korrespondent mit Schwerpunkt Energiepolitik. Auch ihm ist Andreaes Rede beim Kongress positiv aufgefallen. Das sei bei den Vorgängerverbänden noch ganz anders gewesen. „Die waren aus purem Beton“, sagt der Journalist. „Die haben die Interessen der großen Energiekonzerne verfochten – fertig, aus.“

Andreae hat – wie schon ihr Vorgänger Stefan Kapferer – den Verband modernisiert, bestätigt Hauptstadtjournalist Karsten Wiedemann, Redaktionsleiter des Tagesspiegel Background Energie & Klima. Sie setze weniger auf Hierarchien, sei per SMS ansprechbar, wenn er eine Nachfrage habe. Ihre Vorvorgängerin Hildegard Müller, die wie Andreae und Kapferer aus der Politik kam, sei deutlich zurückhaltender und nicht so einfach zu erreichen gewesen.

Als die damalige Grünen-Politikerin Andreae vor gut sechs Jahren die Seiten wechselte und quasi über Nacht von der Bundestagsabgeordneten zur Lobbyistin wurde, hatte sie ziemlich genau die klassischen 100 Tage Schonfrist, um anzukommen. Dann folgte Krise auf Krise: der Ausbruch der Pandemie 2020, die Flut im Ahrtal 2021, der russische Überfall auf die Ukraine 2022.

Jedes Mal ging es um die Frage, ob die Branche Versorgungssicherheit gewährleisten kann – vor allem, als der Ukrainekrieg Deutschland in die schwerste Energiekrise seit Jahrzehnten stürzte. „Wir haben damals in den Abgrund geschaut“, sagt die heute 57-Jährige. Natürlich ging und gehe es den Menschen in der Ukraine unvergleichbar schlechter. Für die Energiebranche und die Menschen hierzulande war der Ausbruch des Kriegs dennoch einer der gravierendsten Einschnitte seit Langem mit enormen Auswirkungen auf Versorgungssicherheit und Preisentwicklung.

Der Verband baute in kürzester Zeit ein Krisenmanagement auf. Sowohl mit dem Bundesministerium als auch mit der Industrie hielt man kontinuierlich Rücksprache, ebenso mit der Bundesnetzagentur. „Wir waren alle getrieben von der Notwendigkeit, diese Krise zu managen“, sagt Andreae, „und das ist gelungen.“ Für die Pressestelle des Verbands war diese Zeit turbulent, erinnert sich deren Leiterin Birgit Heinrich, damals stellvertretende Pressesprecherin unter Jan Ulland. […]


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