Bei Nachhaltigkeit denken viele reflexartig an Umwelt und Klima. Der Bereich Soziales steht im Schatten. Das prmagazin wollte von Kommunikationsverantwortlichen aus Unternehmen aller Branchen wissen: Was fällt aus Ihrer Sicht alles unter das S in ESG? Was ist die größte Herausforderung bei dem Thema? Was muss sich ändern , damit Unternehmen verlässliche kommunikative Konzepte entwickeln können? Und welche Leuchtturm-Projekte in Sachen Social hat Ihr Unternehmen zuletzt umgesetzt?

Bernd O. Engelien, Leiter Politik & Unternehmenskommunikation
Zurich Deutschland
Größte Herausforderung?
Die erste konzeptionelle Herausforderung besteht darin, einen Überblick über die Vielfaltsdimensionen des S in ESG zu gewinnen, die dahinterstehenden Kriterien zu erfassen und davon abgeleitete, smarte Ziele zu formulieren. Eine weitere Herausforderung in der Umsetzung spiegelt sich indes bereits in der Fragestellung: Es ist das nicht spannungsfreie Verhältnis zwischen „Tue Gutes“ (act social) und „Rede darüber“ (communicate). Insbesondere in Deutschland wird Unternehmen bei ihrem gesellschaftlichen Engagement und bei ihrem Einsatz für soziale Zwecke oft wahlweise ein PR-Gag, eine Marketingaktion oder im Extremfall Social Washing unterstellt. Das ist nicht nur bedauerlich und demotivierend für alle, die sich mit Herz und Hand engagieren, sondern kann im Worst Case zur Folge haben, dass gut Gemeintes zum Boomerang für die Reputation wird.
Was muss sich ändern?
Das S in ESG beschreibt ein sehr breites Themenspektrum. Wir sprechen von den Dimensionen Vielfalt und Inklusion, von Wohlbefinden (Wellbeing) für Mitarbeitende, vom Respektieren von Arbeitsrechten und vom Einsatz für das Gemeinwesen sowie von fairen Geschäftspraktiken. Das alles erfordert ganzheitliche Konzepte mit transparenten und messbaren Zielen. Das gilt auch für die strategische Kommunikationsentwicklung. Basis dafür ist eine entsprechende fachliche Qualifizierung von Kommunikationsexperten, damit die Regularien bekannt sind und man nicht in die scheunentorgroße Falle desSocial Washing tappt.
Kommunikative Leuchtturm-Projekte?
Das Thema Social verstehen wir im Kern als Grassroots-Engagement und Teil unserer Unternehmenskultur. Daher würde in diesem Zusammenhang der Begriff Leuchtturm-Projekt einen gegenteiligen Effekt spiegeln. Hier gilt: Man sollte nicht mehr ins Fenster stellen, als man im Laden hat. Aber da haben wir schon einiges. Unsere Priorität liegt auf einem Mix verschiedener Engagements und Initiativen, die auf das S in ESG einzahlen. Einige Beispiele: Pride@Z vertritt eine queere Community und organisiert unsere Teilnahme am CSD. Wir arbeiten mit auticon zusammen, um Mitarbeitenden mit Behinderung im Autismusspektrum berufliche Perspektiven zu bieten. Unser Women’s Innovation Network (WIN) engagiert sich für Chancengleichheit der Geschlechter, das Diversity Forum für alle Dimensionen von Vielfalt. Darüber hinaus stehen allen Mitarbeitenden der Zurich Gruppe Deutschland zwei bezahlte Community-Tage pro Jahr zur Verfügung – für den persönlichen Einsatz für soziale Zwecke.

Silvana Herold, Bereichsleiterin Group Corporate Communications Commerzbank
Größte Herausforderung?
Unsere Kommunikation zu diesem Themenfeld ist in ein ESG-Gesamtkonzept eingebettet, das auch die Bereiche Environmental und Governance aufgreift. Eine Herausforderung bei den Social-Themen ist deren Vielschichtigkeit. Insgesamt setzen wir uns als Unternehmen für den Zusammenhalt in der Gesellschaft und für ihre Pluralität ein. In der internen Kommunikation fokussieren wir uns darauf, das verantwortungsvolle Miteinander und den Wert der Integrität in unserer Unternehmenskultur zu stärken. Diese Aspekte spiegeln sich auch in unserer externen Kommunikation wider. Hinzu kommen die Themen Bildungsförderung und soziale Teilhabe, die wir maßgeblich über die Commerzbank-Stiftung vorantreiben.
Was muss sich ändern?
Mit den bestehenden Rahmenbedingungen können wir bei der Entwicklung von Kommunikationskonzepten gut arbeiten. Die Grundlage bildet unser soziales Engagement, das fest in unserer Nachhaltigkeitsstrategie verankert ist. Diese basiert auf den 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen oder kurz SDGs (für Sustainable Development Goals; siehe S. 31). Unsere sozialen Aktivitäten zahlen dabei auf bestimmte SDGs ein, die die inhaltliche Ausrichtung unserer Kommunikation bestimmen. Beim Thema Diversity legen wir beispielsweise einen besonderen Fokus auf das SDG „Gleichheit der Geschlechter“. In der Kommunikation berufen wir uns entsprechend auf unser Ziel, den Anteil von Frauen in Führungspositionen bis 2030 auf 40 Prozent zu steigern.
Kommunikative Leuchtturm-Projekte?
Das war unsere Kampagne zur Europawahl – mit der Kernbotschaft: Deine Stimme zählt, Du entscheidest über ein freiheitliches, demokratisches und vielfältiges Europa. In der internen Kommunikation haben unser Aufsichtsratsvorsitzender Jens Weidmann, unser CEO Manfred Knof sowie der Betriebsratsvorsitzende Uwe Tschäge und Stefan Wittmann, ver.di-Vertreter im Aufsichtsrat, Wahlaufrufe in Form kurzer Video-Talks gestartet. Extern haben wir auf die Eigeninitiative und Multiplikation unseres „Team Yellow“ gesetzt und eine hohe Verbreitung in den sozialen Medien erreicht. Bei der bankeigenen Social-Media-Kommunikation standen Testimonials aus dem Kreis unserer Auszubildenden im Mittelpunkt, um insbesondere für junge Erstwähler einen Akzent zu setzen. Sich für Freiheit, Vielfalt und Weltoffenheit einzusetzen, ist uns seit vielen Jahren wichtig. Daher zeigen wir auch gemeinsam mit langjährigen Partnern – wie der Charta der Vielfalt – Gesicht oder bringen

Jürgen Harrer, Leiter Unternehmenskommunikation Fraport
Größte Herausforderung?
Fraport ist seit vielen Jahrzehnten ein bedeutender Arbeitgeber in der Region. Als Flughafenbetreiber wissen wir aber auch um die besondere Verantwortung, die wir als Nachbar für die Menschen in unserem Umland und ihre Lebensqualität tragen. Aus diesen beiden Verantwortlichkeiten heraus haben wir schon früh abgeleitet, dass wir sowohl im Interesse unserer Beschäftigten als auch für die Region aktiv sein möchten. Das sind naturgemäß zwei völlig unterschiedliche Stoßrichtungen, die es zunächst einmal konkret mit Leben zu füllen gilt, bevor wir über Kommunikationsmaßnahmen nachdenken können, die zum Bekanntheitsgrad unseres Engagements beitragen. Diese Inhalte immer wieder neu so zu gestalten, dass sie den sich verändernden Bedürfnissen der Menschen gerecht werden – das ist die eigentliche Herausforderung unserer Arbeit. Sind die Maßnahmen gesetzt, ist es ein Leichtes, sie auch erfolgreich zu transportieren.
Was muss sich ändern?
Wir sehen bei unserem sozialen Engagement keine Regularien, die uns kommunikativ behindern. Das liegt aber auch maßgeblich daran, dass wir hier unseren eigenen Weg etabliert haben. Die Region kennt uns als verlässlichen Partner im Bereich Sponsoring und Spenden. Vereine, Einrichtungen und Initiativen kommen regelmäßig und aktiv auf uns zu. Wir müssen das gar nicht großartig kommunizieren, unsere Förderung wirkt rein über die sachliche Ebene. Es gibt innerhalb unseres Nachbarschaftsrahmens keinen Verein, keine Sport- oder Kulturstätte, kein gemeinnütziges Projekt, das sich nicht bereits an uns gewandt und Unterstützung erhalten hätte. Diese Präsenz ist über Jahre hinweg kontinuierlich erarbeitet, funktioniert dafür aber völlig eigenständig und ohne weitere Kommunikation. Anders ausgedrückt: Diese Sonderform der Kommunikation wirkt ohne große Worte.
Kommunikative Leuchtturm-Projekte?
Unser umfassendstes Projekt steht unter dem Motto „Aktiv für die Region“ – dieses Leitmotiv verfolgen wir seit vielen Jahren und werden es auch in Zukunft stringent fortführen. Wir unterstützen Kultur und Sport sowie den Schwerpunkt Jugend- und Nachwuchsarbeit in sozial ausgerichteten Initiativen vor allem in der Breite. Unser Ansatz ist damit ganz bewusst auf den Lebensalltag unserer Mitmenschen ausgerichtet und sorgt dafür, dass Fraport konsistent präsent ist und als verlässlicher Partner auf Augenhöhe wahrgenommen wird. Nur in seltenen, ausgewählten Fällen gilt unsere Förderung auch größeren Initiativen, wie etwa dem Rheingau Musik Festival, weil solche Angebote natürlich mit großer Reichweite auf die Attraktivität unseres Heimatstandorts einzahlen.

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Dieser Beitrag ist ein Auszug aus der prmagazin-Printausgabe Juni|Juli 2024.
