Gordischer Knoten

Wir regulieren jedes Detail, können aber keine Idee mehr erklären, kritisiert Holger Lösch, stellvertretender Hauptgeschäftsführer beim Bundesverband der Deutschen Industrie.

Ein lächelnder Mann mit Brille und grauen Haaren, der einen blauen Anzug und weißes Hemd trägt, steht vor einem neutralen Hintergrund.
„Nur mit ganzheitlichem Blick auf den notwendigen Umbau wird eine große Reform gelingen.“ – Holger Lösch (Foto: Jana Legler)

Die Welt ist aus den Fugen geraten – und mit ihr die politische und gesellschaftliche Kommunikation. Krieg ist zurück als Mittel der Politik. Die transatlantische Partnerschaft wirkt brüchig. Donald Trump demonstriert, wie schnell eine westliche Wertegemeinschaft zerfallen kann. Deutschland steht nach Jahren wirtschaftlicher Stagnation verunsichert da.

Auch Europa leidet – an mangelnder Überzeugungskraft. Die Politik will steuern, produziert aber vor allem immer neue Regulierung. Meist gut gemeint, oft richtig – aber kommunikativ fatal. Populistische Bewegungen nutzen diese Lage, unterstützt von Autokraten in Moskau und Peking, zunehmend auch aus den USA.

Die Interessenvertreter der Wirtschaft sind oft im Spagat zwischen dem Unmut der eigenen Klientel und dem Versuch, mit der Politik konstruktiv an Lösungen zu arbeiten. Wir leben in einer alternden, saturierten und risikoaversen Gesellschaft, in der Veränderung abstrakt gefordert, aber praktisch gescheut wird. Politik spiegelt diese Haltung wider, indem sie gesellschaftliche Schwingungen in immer kleinteiligere Regelwerke übersetzt.

Gesellschaft, Wirtschaft und Politik haben über Jahrzehnte ein gemeinsames Haus gebaut. Wenn die politisch beauftragten Architekten nun feststellen, dass es so nicht bleiben kann, ist absehbar, was passiert: Keiner der Bewohner will freiwillig dem Umbau seines Flügels zustimmen. Das zeigt sich seit Jahren in der grünen Transformation.

In der aktuellen Reform-Ruck-Wumms-Agenda-Debatte muss dieses Muster an weiteren heiklen Kernfeldern durchgespielt werden: Gesundheit, Steuern, Arbeitskosten, Sozialstaat, Rente. Die Herausforderung für die Politik ist paradox, zumal der Zaubertrank vergangener Jahrzehnte auszugehen droht: Geld.

Es braucht gemeinsamen Mut, das Bündel gordischer Knoten aus Ansprüchen, Gewissheiten und Selbstverständlichkeiten durchzuschlagen. Das wird aber nur mit einem positiven strategischen Gesamtbild gelingen. Deutschland und Europa verfügen über enorme Kraft und Innovationsfähigkeit, und sie sind in ihrer Freiheit und Sicherheit bedroht. Dieser Zweiklang aus Zukunft und Sicherheit könnte Teil einer größeren Erzählung sein.

Stattdessen schlagen sich Politiker, Beamte und Interessenvertreter die Nächte um die Ohren, um in Regulierungstexten dogmatische Textarbeit im kleinsten Karo zu führen. Wir diskutieren keine Visionen und Strategien, sondern versuchen, auch noch das letzte Lebensrisiko zu neutralisieren.

Der strukturelle Nachteil derjenigen, die Lösungen entwickeln müssen, gegenüber jenen, die das Himmelreich auf Erden versprechen, lässt sich nur durch strategisches Handeln, Vereinfachung und klare Kommunikation ausgleichen.

Die Politik muss ein positives Gesamtbild zeichnen und mehr Risiko und Freiheit akzeptieren. Die wirtschaftlichen Interessenvertreter von Gewerkschaften, Verbänden und Unternehmen müssen im Interesse des Landes eigene Interessen zügeln, wenn das große Bild stimmt. Die Bürgerinnen und Bürger müssen verstehen, dass ihnen nur ein wachsendes und wohlhabendes Land Sicherheit und Perspektive geben kann.

Nur wenn es allen gelingt, einen ganzheitlichen Blick auf den notwendigen Umbau zu finden, wird eine große Reform gelingen. Ansonsten werden wir weiter kleinteilig optimieren – und am Ende alle unglücklich sein.


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Titelseite des PR-Magazins, Ausgabe April 2026, mit Bild von Lars Rosumek, der bei E.ON arbeitet. Der Titel lautet 'DER MANN IM TOR'.


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