
Bis vor Kurzem herrschte prinzipielle Einigkeit mit Blick auf den Klimawandel. Diese Übereinkunft ist Geschichte. Wie reagieren Unternehmen kommunikativ auf die neue Lage? Wir haben branchenübergreifend nachgefragt. Die Antworten zeigen: Viele halten am Dekarbonisierungskurs fest, verlagern die Debatte aber auf die nötigen Rahmenbedingungen (Preise, Regulierung, Tempo) und begründen Klimaziele stärker mit Business-Logik und messbaren Belegen.

Thorsten Möllmann
Leiter Konzernkommunikation & Marke
Salzgitter
„Wir haben unsere Kommunikationsstrategie angepasst.“
Wir haben in den vergangenen Jahren enorme Anstrengungen unternommen, um die Produktion von Stahl klimaschonend zu gestalten. Mit unserem Programm SALCOS® (Salzgitter Low CO2 Steelmaking) setzen wir künftig auf wasserstoffbasierte Direktreduktionsanlagen und Elektrolichtbogenöfen zur Stahlherstellung. Damit können wir schrittweise eine CO2-Reduzierung von bis zu 95 Prozent erreichen. Mit dem von der Stahlbranche eingeführten LESS-Label belegen wir den verminderten CO2-Fußabdruck unserer Stahlprodukte transparent und glaubwürdig. Wir übernehmen Verantwortung – ökonomisch, ökologisch und sozial. Und wir werden diesen Weg weiter gehen. Dafür benötigen wir die passenden wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen. Der Stahlgipfel im Bundeskanzleramt hat die richtigen Maßnahmen annonciert. Diese müssen nun konsequent umgesetzt werden. Durch eine zielgruppenfokussierte und integrierte Kommunikations- und Markenarbeit haben wir es geschafft, unsere Reputation in der Stahlbranche zu stärken. Ebenso intensiv haben wir die ThoughtLeadership-Kommunikation ausgebaut und zeigen nach innen und außen, welche Personen, darunter auch unser CEO, den Wandel maßgeblich gestalten. Das Engagement führte nicht nur zu einer konstanten Berichterstattung über sämtliche Kanäle hinweg, sondern auch zu einer bedeutenden Präsenz in relevanten Veranstaltungen. Angesichts sich wandelnder politischer und gesellschaftlicher Herausforderungen haben wir agil reagiert und in 2025 unsere Kommunikationsstrategie angepasst. Wir werden die Relevanz von Stahl sowohl für die Industrie als auch für die Gesellschaft im Allgemeinen noch stärker hervorheben. So stärken wir unsere Position als führender Akteur in der Branche.
Claus Zemke
Senior Vice President Corporate Communications
Lanxess

„Unser Ziel Klimaneutralität steht und gehört auch selbstverständlich zu unserer Kommunikation. Doch die Rahmenbedingungen haben sich drastisch verschärft.“
Lanxess hat sich bereits 2018 als eins der ersten großen Chemieunternehmen das Ziel gesetzt, bis 2040 klimaneutral zu werden. Seither haben wir unsere Emissionen um 40 Prozent, gegenüber 2004 sogar um rund 70 Prozent reduziert. Das ist in der Chemie nicht trivial, darauf sind wir stolz. Unser Ziel Klimaneutralität steht, und es gehört auch selbstverständlich zu unserer Kommunikation. Doch die Rahmenbedingungen für die deutsche Chemie haben sich drastisch verschärft: Historisch schwache Nachfrage, geopolitische Spannungen, eine aggressive US-Zollpolitik und asiatische Überkapazitäten, die den europäischen Markt überschwemmen, treffen auf hohe Energiekosten und enorme bürokratische Hürden am Standort Deutschland und in Europa. Über der deutschen Chemie hat sich der perfekte Sturm zusammengebraut. Aktuell steht nicht weniger als die Existenz unserer Industrie auf dem Spiel. Inhaltlich wie kommunikativ haben sich daher die Prioritäten verschoben: EU und Bundesregierung müssen jetzt die Voraussetzungen für einen Industriestandort schaffen, der international mithalten kann. Dazu gehören dauerhaft wettbewerbsfähige Energiekosten. Deshalb gilt: Regulatorische Kosten wie Netzentgelte, Steuern und Umlagen müssen runter. Und das Stromangebot muss steigen: Alle kurzfristig verfügbaren Quellen müssen ans Netz, Erneuerbare müssen zügig und effizient ausgebaut werden. Ohne die dringend notwendigen industriepolitischen Weichenstellungen droht der Chemie in Deutschland der Knock-out. Darum trommeln wir derzeit in der Kommunikation auf allen Kanälen laut und entschlossen für die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit und einen zukunftsfähigen Standort Deutschland.

Alexander Bilgeri
Vice President Kommunikation Personal, Produktion, Einkauf und Nachhaltigkeit
BMW Group
„Politische Interessenvertretung und transparente Kommunikation gehen Hand in Hand.“
Die BMW Group bekennt sich zum Pariser Klimaabkommen und verfolgt konsequent das Ziel, bis spätestens 2050 klimaneutral zu sein – auch unter volatilen globalen Rahmenbedingungen. Dieses Bekenntnis ist fester Bestandteil unseres 360-Grad-Ansatzes und in der Unternehmensstrategie und Unternehmenskommunikation verankert. Ein zentrales Zwischenziel: die Reduktion unserer CO2e-Emissionen um mindestens 60 Millionen Tonnen bis 2035 gegenüber 2019. Um dies zu erreichen, setzen wir weltweit auf ein breites Spektrum an Maßnahmen im Energiemanagement – von Photovoltaik und Geothermie über Windkraft und Power-to-Heat-Anlagen bis hin zu Biogas. Jeder Standort erhält eine individuell optimierte Lösung. Eigene Energieerzeugung und -speicher stärken zusätzlich Versorgungssicherheit und unsere aktive Rolle im Energiemarkt. Diese klar kommunizierten Ziele und Maßnahmen schaffen Glaubwürdigkeit. Dabei sind die Herausforderungen erheblich: Hohe Energiekosten, komplexe Regulatorik und langsame Genehmigungen gefährden die Wettbewerbsfähigkeit des Industriestandorts Deutschland und Europa. Deshalb gehen politische Interessenvertretung und transparente Kommunikation bei der BMW Group Hand in Hand. Wir stehen im engen Austausch mit unseren Stakeholdern und plädieren für vereinfachte Regulatorik, digitalisierte Prozesse und praxistaugliche Gesetze. Nur so lassen sich Nachhaltigkeitsziele ganzheitlich – ökologisch, ökonomisch und sozial – realisieren.
Birgit Hiller
Leiterin Unternehmenskommunikation und Energiepolitik
RWE

„Versorgungssicherheit und Kosteneffizienz gehören stärker in den Fokus.“
Gute Kommunikation ist zielgerichtet, konsistent und verlässlich – und nie starr. Sie nimmt Stimmungen auf und reflektiert gesellschaftspolitische Entwicklungen. Menschen schauen zunehmend besorgt in die Zukunft: Allein in der deutschen Industrie gibt es heute über 100.000 Arbeitsplätze weniger als Anfang 2024. Deutschland muss schnell wieder auf Wachstumskurs kommen. Dafür braucht es ein positives Zukunftsnarrativ, hinter dem sich die Gesellschaft versammeln kann. Eine sichere und bezahlbare Energieversorgung als zentrale Stellschraube für Wachstum spielt darin eine wichtige Rolle. Versorgungssicherheit und Kosteneffizienz gehören somit viel stärker auch in den kommunikativen Fokus von Energieunternehmen. Denn die Energiewende wird von den Menschen nur dann akzeptiert bleiben, wenn der Strom trotz Kernenergie- und Kohleausstieg weiterhin bezahlbar, zuverlässig und wetterunabhängig aus der Steckdose kommt. Genau dafür werben wir bei RWE. Für eine marktwirtschaftliche und technologieoffene Energiewende, bei der die Systemkosten durch eine effizientere Netznutzung gesenkt werden. Für eine Energiewende, bei der neue Kapazitäten dort gebaut werden, wo sie die geringsten zusätzlichen Kosten für das Netz verursachen und die höchsten Erträge für das Gesamtsystem erbringen. Für eine Energiewende, die maßgeblich auf erneuerbare Energien und Batterien setzt – und ausreichende gesicherte Leistung in Form von wasserstofffähigen Gaskraftwerken vorhält. Kurzum: Wir werben für eine pragmatische Energiepolitik, die dabei hilft, Deutschland zurück auf Wachstumspfad zu bringen. Das stärkt Vertrauen und schafft die Grundlage dafür, dass notwendige Veränderungsprozesse breite Unterstützung behalten.

Lars Rosumek
Bereichsleiter Kommunikation und Politik
E.ON
„Wir setzen in unserer Kommunikation auf ein klares Bekenntnis zur Energiewende.“
In unserer Kommunikationsstrategie halten wir an unserer klaren Elektrifizierungs- und Dekarbonisierungs-Agenda fest. Dies ist in einer Phase, in der einzelne Länder zu einer fossilen Agenda zurückzukehren scheinen, entscheidend. Gleichzeitig ist es jetzt wichtig, in der Kommunikation Lösungen aufzuzeigen, wie die Energiewende für Kunden und Bürger besser gemacht werden kann: effizienter, zielgerichteter und bezahlbarer. Nur so erhalten wir die gesellschaftliche Akzeptanz, die diese Jahrhunderttransformation braucht. Denn die Energiewende ist der richtige Weg – ökologisch wie ökonomisch. Erneuerbare Energien liefern heute bereits den Großteil unseres Stroms in Deutschland und sind damit ein zentraler Erfolgsfaktor für Klimaschutz und Wettbewerbsfähigkeit. Am „Ob“ der Energiewende gibt es für uns deshalb keinerlei Zweifel. Beim „Wie“ brauchen wir dringend einen Neustart. Denn wir können die Transformation deutlich effizienter und kostengünstiger gestalten. Ein Beispiel: Alle Zahlen zeigen, dass der tatsächliche Strombedarf deutlich unter den bisherigen politischen Planvorgaben liegt. Trotzdem wird weiter im ganzen Land massiv ausgebaut, ohne dass Netzinfrastruktur und Verbrauch zusammenpassen. Das führt zu Überlastungen, Abregelungen von Stromerzeugungsanlagen und Milliardenkosten, die letztlich alle Stromkunden über ihre Stromrechnung tragen. Nach unseren Berechnungen ließen sich allein durch eine realistische Bedarfsplanung bis zu 15 Milliarden Euro pro Jahr einsparen. Geld, das Verbraucher und Steuerzahler entlastet und zugleich den Industriestandort Deutschland stärkt. Deshalb setzen wir in unserer Kommunikation auf ein klares Bekenntnis zur Energiewende und das Aufzeigen von Lösungen, wie wir die Transformation gemeinsam besser schaffen können.

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