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Nach zehn Jahren in Agenturen kehrte Susanne Marell 2023 in die Unternehmenswelt zurück – zur traditionsbewussten, aber verschwiegenen Schwarz Gruppe. Ihre Aufgabe: die Neuerfindung des Unternehmens hinter Kaufland und Lidl zu kommunizieren und gleichzeitig für mehr Offenheit zu sorgen.

Vom reinen Handelsunternehmen zu einem Ökosystem: Susanne Marell ist von der Transformationsstory der Schwarz Gruppe fasziniert. (Foto: prmagazin/Fernando Baptista)

Schon im ersten Gespräch mit dem prmagazin im April 2024 hatte Susanne Marell Andeutungen gemacht. Es sollte noch Monate dauern, bis sie den Vorhang ganz aufzog. Am 19. September präsentierte sie mit ihren Kollegen die neue, gruppenweite „Vision“ der Schwarz Gruppe. Seitdem tritt die Unternehmensgruppe einheitlich unter dem Slogan „Voraushandeln statt nur vorausdenken“ auf.

Der Fokus liegt auf Zukunftsthemen, vor allem Nachhaltigkeit und Digitalisierung. Marell und ihr Team haben Storys und Zahlen für die einzelnen Unternehmen der Gruppe ausgearbeitet. Sie zeigen zum Beispiel, wie die Sparte Lebensmittelproduktion schon jetzt ihren CO2-Fußabdruck reduziert. Zudem bekennen sich die Unternehmen im neuen Nachhaltigkeitsbericht zur Netto-Null bis 2050. Der Slogan vom „Voraushandeln“ prangt auf Websites und Broschüren, in Lobbys und Besprechungsräumen.

So eine Kampagne wäre normalerweise kaum erwähnenswert. Doch die Schwarz Gruppe tickt anders. Hier kommt „Voraushandeln“ einer Revolution gleich: Zum ersten Mal kommunizieren die Einzelunternehmen eine gemeinsame Vision. Die Maßnahme zeigt auch, wie weit Susanne Marell die Schwarz Gruppe schon geöffnet hat. Jahrzehntelang war unter Journalisten klar: Bei Lidl – und damit war auch die Schwarz Gruppe gemeint – anzurufen lohnt sich nicht, es gibt ohnehin keine Infos. Das Höchste der Gefühle waren ein paar streng abgestimmte O-Töne, erinnert sich ein Journalist, der sich mit der Gruppe befasst.

Das lief dann so: Einmal pro Jahr empfing Klaus Gehrig, langjähriger Gruppenchef und Aufsichtsratsvorsitzender von Lidl und Kaufland, die Chefredaktion der Lebensmittelzeitung (LZ) zur Audienz. Er gab ein paar ausgewählte Zahlen und Zitate zur Veröffentlichung frei, die LZ brachte ihre jährliche Titelgeschichte zum Unternehmen, und daraus zitierten dann alle. Die graue Eminenz im Hintergrund, Multimilliardär und Eigentümer Dieter Schwarz, blieb komplett unsichtbar.

Doch ab 2018 kamen die Dinge in Bewegung. Gehrig und sein Kronprinz Gerd Chrzanowski begannen, die Gruppe umzubauen und wagten eine erste Öffnung. Gehrig veranstaltete gar eine offizielle Pressekonferenz. Insider berichten, dass Susanne Marell – damals noch bei der PR-Agentur Hill+ Knowlton – schon 2020 zur Schwarz Gruppe wechseln und eine neue Ära der Transparenz einläuten sollte. Man war sich bereits handelseinig – doch dann blockierte Gehrig den Plan. Offenbar hatte er die Lust an Gesprächen mit Medienvertretern wieder verloren. Auch den Deal mit Marell sagte er ab. Die schweigt zu den damaligen Ereignissen, dementiert die Berichte aber auch nicht.

Ihre Stunde sollte drei Jahre später kommen. Dafür mussten zuerst die Machtstrukturen aufbrechen. Chrzanowski putschte gegen seinen Mentor Gehrig, der laut manager magazin wegen seiner Unberechenbarkeit intern „Killerwal“ genannt wurde. Im Dezember 2021 übernahm Chrzanowski das Ruder und startete einen neuen Anlauf, Marell nach Neckarsulm zu holen.

Nach mehreren Gesprächen im Lauf des Jahres 2022 übernahm sie schließlich am 1. Januar 2023 den Posten als Bereichsvorständin der Schwarz Corporate Affairs GmbH & Co. KG ( Kasten „Komplexes Ökosystem“). Die 59-Jährige ist für die Themen Nachhaltigkeit, Kommunikation, Markenführung und Public Affairs verantwortlich.

Freunde und Bekannte hätten damals reflexhaft gesagt: Die Susanne geht zu Lidl, erinnert sich Marell. Sie erklärte ihnen dann, warum das so nicht stimmt, denn die Schwarz Gruppe ist mehr als der gelb-blaue Discounter: „Abseits der bekannten Handelsunternehmen Lidl und Kaufland verbergen sich Geschäftsfelder, die weit über das hinausgehen, was man allgemein kennt“, sagt Marell. „Von eigenen Produktionsstätten über einen Umweltdienstleister bis hin zu Cloud, Cyber-Sicherheit, Künstlicher Intelligenz und sicherer Kommunikation.“

Schon Gehrig hatte begonnen, die Gruppe zu diversifizieren. Chrzanowski geht diesen Weg noch konsequenter weiter. „Von Vertical Farming über Containerschifffahrt bis hin zu Künstlicher Intelligenz“ – die neue Schwarz Gruppe soll buchstäblich alles können, beschrieb das manager magazin den „Masterplan des neuen Lidl-Herrschers“. Die Unternehmen der Gruppe haben unter anderem in einen israelischen Cyber-Sicherheitsspezialisten investiert, stellen eigene Lebensmittel her, betreiben mehrere Containerschiffe, einen Umweltdienstleister, bieten Cloud-Dienste an, unter anderem an deutsche Mittelständler, die mit den Angeboten von US-Firmen wie Amazon fremdeln.

In Bad Friedrichshall nördlich von Neckarsulm baut die Schwarz Gruppe einen Campus – allein im ersten Bauabschnitt mit perspektivisch 3.500 Arbeitsplätzen, vor allem in der IT. Die SchwarzUnternehmen sind am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz und am Heidelberger KI-Start-up Aleph Alpha beteiligt. „Der neue Superkonzern“, schreibt manager-magazin-Autor Martin Mehringer, nehme es mit Microsoft, Amazon, Cisco und Hapag-Lloyd gleichzeitig auf. Und mit Aldi sowieso.

Marell ist von der Transformationsstory fasziniert. Die Geschichte, wie sich die Schwarz Gruppe von einem reinen Handelsunternehmen zu einem Ökosystem weiterentwickle, sie sei noch nicht überall erzählt, sagt sie. „Dabei ist es eine der größten Storys Europas, und ich darf sie begleiten.“ Schon in den ersten Gesprächen habe sie gemerkt, wie viel in Neckarsulm in Bewegung sei, sagt Marell. „Die Unternehmen der Schwarz Gruppe handeln nicht nur mit Lebensmitteln, sie handeln wortwörtlich, wenn sie Möglichkeiten sehen.“ Ihre Aufgabe sei es, das bisher so verschwiegene Unternehmen Stück für Stück zu öffnen. […]


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Dieser Beitrag ist ein Auszug aus der prmagazin-Printausgabe Februar 2025.