PR reicht nicht

Unternehmen müssen in konkrete Projekte investieren, um Migration als Normalität begreifbar zu machen, fordert Imran Ayata, Geschäftsführer von Ballhaus West. Ein Gastkommentar.

(Foto: Jonas Holthaus)

Es ist so einfach und so kompliziert zugleich: Ohne Migration ist alles nichts. Dass Unternehmen und Vertreter der deutschen Wirtschaft seit Jahrzehnten Zuwanderung für notwendig erklären, ist interessengeleitet und greift in den meisten Fällen zu kurz.

Der größte Irrtum in Deutschland in Bezug auf Migration ist die Hierarchisierung von Menschen mit Migrationsgeschichte. Das drückt sich auch in der Unterscheidung zwischen „nützlichen und bereichernden“ Migranten auf der einen Seite und „belastenden und bedrohlichen“ Migranten beziehungsweise Flüchtlingen auf der anderen Seite aus.

Politik und Wirtschaft teilen diese Perspektive. In der öffentlichen Debatte dominiert seit Langem das Bild der Bedrohung durch „illegale Migration“, zuletzt kampagnenartig inszeniert im Bundestagswahlkampf. Man konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass dieses Land kein anderes Thema und keine andere Herausforderung hat.

Eine Intervention der Wirtschaft gegen diese rassistische Kampagne? Fehlanzeige. Auch keine Antwort auf die Frage, wie man eigentlich Fachkräfte nach Deutschland holen will, wenn gleichzeitig auf allen Kanälen und Plattformen Migration zur Bedrohung stilisiert wird. Als ob sich Fachkräfte aus dem Ausland kein Bild von den gesellschaftlichen Verhältnissen des Landes machen würden, in dem sie ihre berufliche Karriere fortsetzen sollen.

Unternehmen sind gesellschaftliche Akteure mit politischem Einfluss. Die Vorstellung vom „unpolitischen“ Unternehmen war schon immer eine Illusion. Wenn amerikanische Konzerne Diversity-Programme streichen, um bei der Trump-Administration zu punkten, oder wenn Elon Musk die AfD unterstützt, spätestens dann sollte allen klar sein, wie politisch Unternehmen sind.

Die politische Instrumentalisierung von Migration – befeuert durch rassistischen Trolljournalismus und Medien, die rechtsextreme Narrative übernehmen – vergiftet unsere Demokratie. Mit dem Erstarken von Autoritarismus wird die Anbiederung an populistische Politik zu einem transnationalen Phänomen, auch wenn Wirtschaftsverbände, Unternehmen und deutsche Manager dagegen Stellung beziehen. Sie verweisen darauf, dass Vielfalt und gesteuerte Migration für ein Einwanderungsland wichtig, ja sogar ein Standortfaktor seien.

Doch es genügt nicht, mit wohlformulierten PR-Statements und medienwirksamen Interviews den Bedarf an Fachkräften aus dem Ausland zu artikulieren. In Zeiten, in denen selbst rechtsstaatliche Prinzipien zur Disposition stehen und Politiker offenbar bereit sind, diese zu opfern, braucht es mehr Einsatz von Unternehmen und Unternehmern.

Zu deren gesellschaftlicher Verantwortung gehört es, in die Stärkung der Einwanderungsgesellschaft, des gesellschaftlichen Zusammenhalts und der Demokratie zu investieren – konkret: in Programme und Projekte, die Demokratie fördern und Migration als das begreifbar machen, was sie ist: keine Bedrohung, sondern Normalität – mit all ihren anstrengenden, spannenden und widersprüchlichen Facetten.

Dieser Gastkommentar ist zuerst erschienen in der prmagazin-Ausgabe 05/2025 (Rubrik „Die letzte Seite“).


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