Die Kommunikation zur Energiewende muss ehrlicher werden, fordert Kerstin Maria Rippel, Hauptgeschäftsführerin der Wirtschaftsvereinigung Stahl.

Die Debatte zur Energiewende gleicht einer Erzählung in Hochglanz. Zielbilder und Visionen dominieren: klimaneutrale Städte, grüne Industrien, CO₂-freier Wohlstand. All das klingt gut. Nur: Wer spricht über die Zumutungen, über die Arbeit, die dahintersteckt? Der Umbau zu einer klimaneutralen Wirtschaft ist kein Selbstläufer. Das gilt für unsere Gesellschaft, und das gilt im Besonderen für energieintensive Branchen wie unsere Stahlindustrie. Klimaneutralität bedeutet hier mehr als ein paar Solarpaneele auf dem Dach.
Es geht um Milliardeninvestitionen in neue Anlagen und Technologien, die das Endprodukt emissionsarm machen und qualitativ hochwertig lassen – die aber teurer sind. Das ist für unsere Industrie im harten Wettbewerb eins von vielen Problemen. Denn sie steht damit schlechter da.
Und es gibt weitere negative Standortfaktoren, die der Stahlbranche das Leben schwer machen: Energie – Strom, Erdgas und künftig auch Wasserstoff – ist viel zu teuer und doch ein entscheidender Faktor für die Dekarbonisierung. Denn die beruht auf Elektrifizierung.
Die Energiewende wird also dringend gebraucht – aber zu bezahlbaren Preisen.
Auch fehlt bislang eine wirksame außenhandelspolitische Absicherung gegenüber Regionen außerhalb Europas, in denen die Ambitionen beim Klimaschutz viel weniger ausgeprägt und Dumping an der Tagesordnung sind.
Tagtäglich kommunizieren wir inmitten dieses Spannungsfelds – zwischen Fortschrittsversprechen und ökonomischer Realität. Dabei hilft unsere Überzeugung, dass der Umbau unserer Industrie notwendig und auch machbar ist. Jedenfalls dann, wenn Wirtschaft, Politik und Gesellschaft an einem Strang ziehen. Dafür braucht es schonungslose Kommunikation. Nur wer Zielkonflikte benennt, aushält und bearbeitet, kann Verständnis für Veränderung erreichen – und damit letztlich Veränderung selbst.
Unsere Kommunikationsstrategie folgt drei Prinzipien: Erstens sprechen wir Klartext gegenüber der Politik. Kein Greenwashing, keine Symbolpolitik, aber auch kein Duckmäusern: Was die Industrie braucht, muss klar benannt werden. Dabei agieren wir verlässlich, konkret und auf Basis gründlich recherchierter, nachvollziehbarer Fakten und Statistiken.
Zweitens liefern wir transparente und authentische Übersetzungsarbeit für die Öffentlichkeit. Wir verbreiten keine Panik, sondern leisten Aufklärung zu drängenden Fragen: Was bedeutet emissionsarmer Stahl für die Regionen, für die Arbeitsplätze, für Verbraucherinnen und Verbraucher? Was steht auf dem Spiel? Auf Tagungen, Online-Veranstaltungen, Events, über Publikationen, Social Media und Pressearbeit schaffen wir Transparenz.
Drittens halten wir die Verbindung nach innen. Denn wir vertreten unsere Mitgliedsunternehmen. Und die brauchen eine starke, geeinte Stimme, die ihre Realität abbildet und ihre Forderungen übermittelt – nicht weichgezeichnet, sondern wirksam.
Kommunikation zu diesem entscheidenden Umbau ist kein PR-Projekt. Sie ist strategisch, sie denkt unternehmerisch – und sie wirkt politisch. Wer heute ernst genommen werden will, muss kritische Diskussionen aushalten können und aktive Lösungsbeiträge liefern. Visionen motivieren, ja. Aber Vertrauen entsteht nur durch Ehrlichkeit und das eigene Mitanpacken. Fortschritt entsteht nur, wenn Wunsch und Wirklichkeit im Dialog zu einer konkreten Lösung finden.
Diesen Dialog zu führen, ist unsere Aufgabe – als starke Stimme der Stahlindustrie. Mehr noch: Es ist unser Beitrag, um den Wandel zur Klimaneutralität überhaupt möglich zu machen – und die Energiewende ist unerlässlicher Kern dieses Wandels. Unsere Industrie ist bereit, ihren Teil zu leisten. Doch von der Politik erwarten wir mehr als wohlmeinende Rhetorik. Wer Vertrauen will, muss Lösungen liefern.

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