300 Jahre Kant: Zum Geburtstag des Philosophen klärt Hans F. Bellstedt darüber auf, wie Unternehmenskommunikation zur Stabilisierung unserer Demokratie beitragen kann. Seine Devise: „Wage es, Dich Deiner Reputation zu bedienen.“

Ein Montagabend in Berlin, es ist der 300. Geburtstag Immanuel Kants. In einer Landesvertretung diskutieren 60 Bürgerinnen und Bürger, ein Buchautor sowie eine TV-Moderatorin darüber, was unsere offene Gesellschaft bedroht – und wie wir sie stärken können. Ukraine-Krieg, Bildungsmisere, „Clash of civilizations“ – die Liste der Themen, die die Menschen bedrücken, ist lang. Die Veränderungserschöpfung, von der der Soziologe Steffen Mau („Triggerpunkte“) spricht, ist mit Händen zu greifen.
Hohe Erwartungen richten sich an die Politik. Dabei wächst die Einsicht, dass diese nicht alle Probleme unserer Zeit lösen kann. Hier kommen die Unternehmen ins Spiel: Mit ihrer regionalen Verankerung, ihren Beschäftigten und ihrer oftmals globalen Reichweite können sie wesentlich dazu beitragen, Sorgen zu reduzieren und soziale Stabilität zu generieren. Drei Beispiele:
>> Beim Thema Bildung hat Deutschland erheblichen Nachholbedarf. Wer kann noch fehlerfrei lesen, schreiben und rechnen? Unternehmen sind nicht der Reparaturbetrieb für die Versäumnisse einer verfehlten Bildungspolitik. Und doch kommt ihnen eine Schlüsselrolle zu, wenn es darum geht, jüngere Menschen auf die Anforderungen eines hochkompetitiven, technologiegeprägten Umfelds vorzubereiten. Innerbetriebliche Weiterbildung, Talente-Pools sowie eine systematische Führungskräfteförderung eröffnen Chancen und schaffen ein wichtiges Stück gesellschaftlicher Stabilität. Kommunikatorinnen und Kommunikatoren sollten den so geschaffenen „public value“ selbstbewusst nach außen tragen.
>> Die Frage, wie Integration gelingen kann, ist zentral für das friedliche Zusammenleben in Deutschland. Nicht nur auf den Straßen von Berlin-Neukölln oder Duisburg-Marxloh, sondern auch auf vielen Schulhöfen zeigt sich, vor welchen Herausforderungen wir stehen. Ethnische Vielfalt zu gestalten, lautet die Aufgabe. Hier leisten die Unternehmen seit Jahrzehnten Großes: Beginnend mit der Aufnahme türkischer „Gastarbeiter“, ist das Zusammenwirken zigtausender Menschen unterschiedlichster Herkunft gelebter Unternehmensalltag. Spannungen gibt es auch hier, keine Frage. Jedoch können Unternehmenschefs, indem sie an übergreifende Ziele appellieren, Teamgeist stärken und Barrieren abbauen. Sprache und Empathie spielen dabei eine Schlüsselrolle.
>> Im geopolitischen Kontext wächst ebenfalls die Verantwortung der Unternehmen. Beispiel China: Das Spannungsverhältnis zwischen Marktchancen und Menschenrechten begleitet unseren Dialog mit Peking seit Jahrzehnten. Klar, ökonomisch liegt es nahe, unbequeme Themen auszusparen. Aber Unternehmen haben Werte. Für diese aktiv einzutreten, untermauert ihre Glaubwürdigkeit. Rückgrat beweist, wer sich aus Konstellationen zurückzieht, in denen Zwangsarbeit vermutet werden muss.
Sapere aude – wage es, Dich Deines Verstandes zu bedienen, lautet ein zentraler Satz im Werk Immanuel Kants. „Wage es, Dich Deiner Reputation zu bedienen“ – Unternehmen, die dieser Devise folgen, leisten wichtige Beiträge zur Stabilisierung von Freiheit und Demokratie.
Hans F. Bellstedt ist Inhaber der Public-Affairs-Beratung hbpa.
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