Die Laus im Pelz

Nach den jüngsten Wahlerfolgen von AfD und Linken werden sich Lobbyisten auf ungewohnte Ansprechpartner einstellen müssen.

prmagazin-Chefredakteur Thomas Rommerskirchen

PR ist politisch. Logisch, dass in den allermeisten Fällen Lobbyarbeit und Government Relations zu den Kernaufgaben der PR-Manager gehören. Nach den jüngsten Wahlerfolgen der AfD und der Linken stellen sich auf den Führungsetagen allerdings Fragen zur Gestaltung dieser Jobs, wenn die Ansprechpartner in der Politikplötzlich nicht mehr dem klassischen Schema der etablierten Parteienlandschaft entsprechen.

Dass die neue Realität schon Einzug gehalten hat, zeigt ein Spiegel-Bericht vom 2. Oktober über die Auswertung des EU-Transparenzregisters durch LobbyControl. Zur Vorbereitung der Abstimmung über die Lockerung des „VerbrennerAus“ im Europaparlament gab es offenbar fleißig Kontakte zwischen Industrie und Parlamentariern vom rechten Rand. So sollen sich Volkswagen-Emissäre mit Vertretern der italienischen Lega getroffen haben, die in der Regierung von Giorgia Meloni sitzt. Aber genauso wie die Kontakte zu anderen „Patrioten für Europa“ ist auch das nicht skandalös, sondern politischer Alltag. Man ist in Kontakt mit Regierungsvertretern – normal, oder?

Das Thema wird trotzdem kurzfristig für Brisanz in den Unternehmen sorgen. Warum? Die Lobbyisten rekrutieren sich immer schon aus Menschen mit einem gut funktionierenden Netzwerk und möglichst vielen belastbaren Verbindungen zu den Entscheidern in der Administration und den Parlamenten. Man kennt sich.

Die Lobbyagenturen, von FGS Global bis zu Einzelberatern, schöpfen ihren wirtschaftlichen Erfolg hauptsächlich aus den engen Kontakten ihrer Berater und der Möglichkeit, Amtsträger auch nach 22 Uhr auf dem Handy anrufen zu können. Auch in den Unternehmen ist die Anpassung an den jeweiligen Mainstream immer sehr lukrativ gewesen. Wer hätte vor 20 Jahren gedacht, dass es möglich wäre, mit einer politischen Karriere bei den Grünen Top-Positionen im Lobbying der Industrie, bei Thinktanks oder einflussreichen NGOs zu besetzen?

Wenn die politische Landschaft sich weiter ändert, werden folgerichtig die Parteigänger der AfD, der Linken oder ihrer vielen Suborganisationen die besten Voraussetzungen haben, um als Interessenvertreter anzuheuern. Man wird sie brauchen. Wahrscheinlich zuerst in Agenturen, damit man intern noch moralisch sauber bleibt. Aber es wäre denkbar, dass etwa ein Maximilian Krah in verantwortlicher Position lobbyiert,
wenn die amtierenden Minister aus seiner Partei kommen. Sein Job-Profil wäre perfekt.

Die klassischen Lobbyisten haben mit dem Wechsel in die Industrie in der Regel ihr parteipolitisches Interesse hinter sich gelassen. Das könnte bei den engagierten Extremen ganz anders aussehen. Und damit hätten die Firmen, die heute noch so weit wie möglich für die Demokratie einstehen, die Laus im Pelz.

Mail an den Chefredakteur: roki(at)rommerskirchen.com


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