„Banaler Content reicht nicht“

Olaf Scholz räumt seine Aktentasche aus, Markus Söder isst Bratwurst. Auch weil die AfD bei TikTok so erfolgreich ist, versuchen demokratische Parteien jetzt nachzuziehen. Nicht immer überzeugen die Videos, meint Politik- und Kommunikationsberater Johannes Hillje – und erklärt, wie Politiker mehr aus der Plattform herausholen, ohne die Rechtspopulisten zu kopieren.

(Illustration: MH/Adobe Stock; iPhone: smile3377/Adobe Stock, Montage: prmagazin)

Herr Hillje. Olaf Scholz ist seit Anfang April auf TikTok, auch die Grünen haben seit Kurzem einen Account. Wundert es Sie, dass plötzlich so viele Politiker und Parteien auf die Plattform strömen?

Johannes Hillje: Nein, nicht wirklich, mich überrascht eher die Überraschung über den Erfolg der AfD auf TikTok. Denn letztendlich hat sich damit Social-Media-Geschichte wiederholt. Wir haben bereits im Gründungsjahr der AfD 2013 erlebt, wie die Partei auf Facebook mehr Fans und Reichweite hatte als alle anderen Parteien im Bundestag. Ähnliches konnten wir auf YouTube, Instagram und Twitter beobachten. Dass die AfD eine neue Mainstream-Plattform wie TikTok ebenso strategisch und systematisch bespielt, konnte also keine große Überraschung sein.

Warum funktionieren die rechtspopulistischen Inhalte der AfD auf TikTok so gut?

Einerseits hat die Partei eine Armee an digitalen Unterstützern, die ihre Botschaften weiterverbreiten. Andererseits sprechen AfD-Politiker in ihren Videos junge Menschen direkt, persönlich und emotional an. Die AfD nutzt dafür zwei maßgebliche Emotionen: Angst und Verlustaversion, also das Bedürfnis der Menschen, materielle und emotionale Verluste zu vermeiden. Die AfD schafft es mit ihren zugespitzten und provozierenden Ansprachen immer wieder, das Publikum direkt zu adressieren und es emotional zu involvieren. Die Konkurrenz um Aufmerksamkeit ist auf TikTok so groß, deshalb entscheiden die ersten paar Sekunden darüber, ob das Publikum das Video weiterschaut oder nicht. Genau darin ist die AfD sehr erfolgreich. Sie schafft es, dass die Zuschauerinnen und Zuschauer nicht nach der ersten Sekunde aus dem Video aussteigen und weiterswipen, sondern länger dranbleiben. Hinzu kommt: Wie bei anderen Plattformen ist ein Ziel von TikTok, dass die Nutzer möglichst viel Zeit in der App verbringen. Daher belohnt der Algorithmus Beiträge, die emotionalisieren und polarisieren. Populistische und rechtsradikale Inhalte haben einen Wettbewerbsvorteil.

War diese Art der Emotionalisierung von Anfang an Stil der AfD?

Auch die AfD hat am Anfang auf TikTok experimentiert. Sie bekam dann aber recht schnell Unterstützung aus ihrem jungen, rechtsextremen Vorfeld. Zum Beispiel hat sich Martin Sellner von der Identitären Bewegung mit TikTok beschäftigt und dort strategische Ansätze für rechtsradikale Kräfte wie die AfD entwickelt. Der AfD-Politiker Maximilian Krah hat sich von Mitgliedern der Identitären Bewegung beraten lassen und seine Videos entsprechend auf zielgruppengerechte Themen und Emotionen abgestimmt.

Krahs Account-Reichweite wurde vor Kurzem von TikTok gedrosselt. Warum?
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Dieser Beitrag ist ein Auszug aus der prmagazin-Printausgabe Mai 2024.