Jubelperser
Pokaler Wildwuchs
Preis bei Vorkasse

Thomas Rommerskirchen
Der German Design Award ist kürzlich vom Spiegel auseinandergenommen worden. Der Tenor: Der Award sei nichts anderes als ein Geschäftsmodell, bei dem Teilnehmer bei der Einreichung und erst recht für die Ehrung hohe Summen zahlen müssen.
Dieser Award ist aber nicht allein. Jede noch so nischige Leistung kann inzwischen für das Rennen um Urkunden nominiert werden. Cases und Kampagnen für Splittergruppen mit jeweiligen Themenschwerpunkten, von Diversity und Environment über Ausbildung und Fairness bis Innovation – jeder siegt in irgendeiner Kategorie und zahlt die Rechnung. Die Designerregale in den Empfangsräumen der Agenturen platzen vor lauter Urkunden und Pokalen aus allen Nähten. Wen, außer Postboten und Praktikanten, soll das noch beeindrucken?
Die Auszeichnung als „Bester Arbeitsplatz in Europa“ scheint besonders beliebt zu sein. So hat DHL (nicht der Konzern, sondern die Sparte Express) zum fünften Mal hintereinander den Preis der Ausschreibungsfirma „Great Place to Work“ kassiert – und bezahlt. Die Platzierung erfolgt über die Teilnahme an einem Screening-Programm, und das kostet einen fetten Millionenbetrag. Dafür kann sich dann aber auch die DHL-Group-Kommunikation über ein positives Thema freuen.
Schönheitsfehler ist, dass im Ranking für Deutschland Siemens Healthineers, Allianz und SICK die ersten drei Plätze in der Kategorie über 5.000 Mitarbeiter belegen. Und dass in der repräsentativen Analyse, die der stern ohne Bezahlung durch die Preisträger jährlich erstellt, DHL überhaupt nicht auftaucht. Weder Express noch Group sind unter den besten 650. Qualitativ unterscheidet sich die Auszeichnung des Mammutkonzerns durch die selbst selektierte Teilnahme zahlender Ehrungswilliger nicht großartig von der Teilnahme stolzer PR-Agenturen, die ihre Leistungen für Kunden und Mitarbeiter sichtbar machen wollen.
Im Reitsport nennt man das Schleifchenturnier. Es ist die stressfreie Variante zum offiziellen Turniersport, speziell für Ponyreiter und Kinder. Auch die unendliche Anzahl an Disziplinen, von der Führzügelklasse über „jump and run“ bis hin zum Geschicklichkeitsparcours, entspricht der Branchenrealität. Denn das Besondere dabei ist, dass jeder Teilnehmer platziert wird und ein farbiges Schleifchen als Trophäe mit nach Hause nimmt. Wie bei uns.
roki@rommerskirchen.com
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