Friedrich Merz organisiert mit seiner Davos-Rede Zustimmung, Mark Carney liefert ein Deutungsangebot, das über den Gipfel hinaus trägt, meint Michael Schattenmann, Leiter Unternehmenskommunikation & Öffentlichkeitsarbeit von Stihl.

Zwei Redner, beide klar in ihrer Botschaft. Doch nur einer lieferte einen Deutungsrahmen, der über den Moment hinausreicht. Beim Weltwirtschaftsforum in Davos referierte der kanadische Premierminister Mark Carney nicht einfach die geopolitische Lage. Er erzählte eine Geschichte – präzise genug, um zu irritieren, und tief genug, um zu erklären, warum das internationale System heute zugleich vertraut und unheimlich fremd erscheint. Bundeskanzler Friedrich Merz hielt dagegen eine strukturell saubere, diplomatisch kalibrierte Rede – genau die Form, die man von einem europäischen Regierungschef in Davos erwartet.
Beide Reden waren im konventionellen Sinn gut. Kommunikativ jedoch liegt der Unterschied tiefer. Es ist der Unterschied zwischen einer Rede, die Zustimmung organisiert, und einer, die sich in den Köpfen der Zuhörer festsetzt. Storytelling ist dabei kein rhetorischer Zierrat, sondern die Fähigkeit, Komplexität in ein mentales Modell zu übersetzen, das Orientierung schafft.
„Die stärksten Reden wirken nicht,
weil sie mehr sagen,
sondern weil sie anders ordnen.“
Carneys Rede folgte genau dieser Logik. Er begann mit einer Szene aus Václav Havels Essay „Die Macht der Machtlosen“: Ein Gemüsehändler hängt ein politisches Schild ins Schaufenster – nicht aus Überzeugung, sondern als Ritual der Anpassung. Havel beschreibt, wie Systeme von der täglichen Aufführung von Konformität leben.
Carney machte diese Metapher zum Deutungsinstrument der internationalen Ordnung. Seine implizite These: Auch der Westen habe über Jahre sein eigenes Schild ins globale Schaufenster gehängt, habe von Regeln und Normen gesprochen, während mächtige Akteure diese Ordnung schleichend aushöhlten.
Seine Formel „rupture, not transition“ markiert den Moment der Erkenntnis: Der Bruch ist real – und lässt sich nicht länger als gradueller Wandel kaschieren. Aus dieser Diagnose entwickelt Carney einen wertebasierten Realismus. Werte erscheinen nicht als moralische Dekoration, sondern als strategischer Vermögenswert – als Grundlage für neue Koalitionen unter Staaten, die stark, aber nicht hegemonial sind. Er richtet sich explizit an die sogenannten Middle Powers und weist ihnen eine Rolle zu. Wer nicht am Tisch sitzt, steht auf der Speisekarte.
Merz’ Rede war fachlich überzeugend, politisch verantwortungsvoll und in ihrer Policy-Architektur konsistent. Doch sie folgte einer vertrauten Dramaturgie aus Analyse, Bekenntnis und Maßnahmen. Sie minimierte interpretatives Risiko zugunsten diplomatischer Anschlussfähigkeit – und blieb genau deshalb narrativ zurückhaltend. Die stärksten Reden wirken nicht, weil sie mehr sagen, sondern weil sie anders ordnen.
Carney liefert ein Deutungsangebot, das über Davos hinaus trägt. Merz liefert Orientierung im Rahmen des Erwartbaren. Beides hat seinen Platz – doch nur eins bleibt im Gedächtnis. Und damit wird klar: Wer Storytelling noch immer als Softskill abtut, den widerlegt Davos. Denn richtig ist heute: Wer Realität verständlich machen kann, beschreibt die Welt nicht nur. Er beginnt – leise, aber wirksam –, sie neu zu ordnen.
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