In der Debatte um die Energiewende muss die Wissenschaft aktiver werden, meint Claudia Kemfert, Energieökonomin und Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin).

Die Energiewende ist technisch längst auf der Zielgeraden doch gesellschaftlich gerät sie zunehmend zwischen die Fronten. Während der Umbau unseres Energiesystems enorme Chancen bietet – günstigere Energie, mehr Unabhängigkeit, neue Wertschöpfung –, wird die öffentliche Debatte von wachsender Unsicherheit geprägt
Viele Menschen unterstützen Klimaschutz grundsätzlich, haben aber diffuse Sorgen vor steigenden Kosten oder sozialer Schieflage. Diese Sorgen entstehen nicht zufällig. Sie entstehen dort, wo politische Kommunikation unklar bleibt, Entscheidungen widersprüchlich wirken und der Eindruck entsteht, es gebe keinen verlässlichen Plan.
Hinzu kommt ein neues, gefährlicheres Phänomen: die systematische Verbreitung von Desinformation. Falschbehauptungen über angeblich unzuverlässige Erneuerbare, über drohende Blackouts oder über vermeintlich unbezahlbare Transformationen erreichen heute Millionen Menschen, oft schneller als jede sachliche Einordnung. Wissenschaftliche Expertise wird dabei gezielt infrage gestellt, verzerrt oder lächerlich gemacht. Wissenschaftsfeindlichkeit ist nicht länger ein Randgeräusch, sondern sie ist zu einem politischen Instrument geworden.
Als Wissenschaftlerin sehe ich täglich, wie stark die gesellschaftliche Debatte davon beeinflusst wird. Fakten allein reichen nicht, wenn sie im Lärm gezielter Irreführung untergehen. Die Energiewende braucht nicht nur Technologie und politische Entscheidungen – sie braucht eine klare Erzählung, die Orientierung gibt, Zusammenhänge erklärt und falschen Behauptungen entschieden widerspricht. Kommunikation ist kein Beiwerk, sondern ein zentraler Bestandteil der Transformation.
Dazu gehört, offen auszusprechen, was Sache ist: Die Energiewende ist ökonomisch sinnvoll, sie reduziert Risiken, sie macht unser Land widerstandsfähiger. Aber sie verändert Strukturen – und jede Veränderung braucht Erklärungen. Wer diese Erklärungen schuldig bleibt, überlässt das Feld jenen, die Angst vor Wandel in politischen Widerstand verwandeln wollen.
Wissenschaft muss in diesem Prozess aktiver werden. Es reicht nicht, Ergebnisse zu veröffentlichen. Wir müssen sie einordnen, Missverständnisse korrigieren und klare Grenzen ziehen, wo Fakten bewusst verdreht werden. Das ist keine politische Parteinahme, sondern die Verteidigung der Wirklichkeit in einem Raum, der zunehmend mit Unwahrheiten gefüllt wird.
Wenn wir die gesellschaftliche Unterstützung für die Energiewende sichern wollen, brauchen wir eine neue Kommunikationskultur: transparent, ehrlich, dialogorientiert – und mutig genug, Desinformation beim Namen zu nennen. Die Energiewende ist möglich. Doch sie wird nur gelingen, wenn wir nicht nur die Infrastruktur modernisieren, sondern auch die Art und Weise, wie wir über sie sprechen.

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