Chance vergeben

Der Weltwirtschaftsgipfel 2026 in Davos zeigt: Europas Industrie ist in zentralen internationalen Arenen kaum noch sichtbar. Eine vertane Chance, meint Kommunikationsberater Christoph Sieder.

(Foto: World Economic Forum, CC BY-NC-SA 4.0)

Als ich 1999 erstmals das World Economic Forum besuchte, war die Präsenz deutscher Unternehmen selbstverständlich. Die Auftritte der Branchenführer setzten Maßstäbe. Wer etwas auf sich hielt, war in Davos vertreten. Kurz: Das Forum spiegelte den leisen, aber selbstbewussten Führungsanspruch der deutschen, schweizerischen und europäischen Industrie.

Christoph Sieder

Und nun die ernüchternde Erfahrung beim WEF 2026: Der zentrale „Strip“ von Davos Dorf bis Davos Platz wurde nahezu vollständig von amerikanischen Technologiekonzernen dominiert. Eine der wenigen Ausnahmen: SAP. Hinzu kamen selbstbewusste Länderauftritte aus Saudi-Arabien, Indien – sogar ein „House of Kosovo“ gehört inzwischen dazu.

Diese Entwicklung kommt nicht überraschend. Seit Jahren ziehen sich europäische, insbesondere deutsche Unternehmen schrittweise zurück – bis zur heutigen faktischen Unsichtbarkeit. Das Bild von Davos steht sinnbildlich für eine größere Verschiebung: Die deutsche und europäische Industrie hat sich aus zentralen internationalen Arenen der Sichtbarkeit und Deutungshoheit verabschiedet.

In einer Welt im geopolitischen, technologischen und wirtschaftlichen Umbruch ist diese Zurückhaltung kein Zeichen von Stärke, sondern ein strategischer Fehler. Denn Davos ist mehr als Kulisse. Es ist der Ort, an dem sich zu Beginn jedes Jahres rund 3.000 der wichtigsten politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsträger der Welt versammeln.

Es gibt kaum eine bessere Gelegenheit, sich zu positionieren, Anspruch zu formulieren und Gestaltungswillen zu zeigen. Gerade die europäische und deutsche Industrie verfügt über enorme Innovationskraft. Wer diese in Davos nicht sichtbar macht, überlässt das Narrativ anderen. Das ist eine leichtfertig vergebene Chance.

Das World Economic Forum 2027 sollte wieder genutzt werden, um europäische und deutsche Stärke sichtbar zu machen – nicht laut, nicht aggressiv, aber selbstbewusst. Davos war einmal ein Spiegel europäischer Gestaltungskraft. Es ist Zeit, diesen Anspruch wieder einzulösen.



Möchten Sie ein Jahres- oder Probeabo abschließen oder ein Einzelheft bestellen? Hier geht’s zum prmagazin-Shop.